Die Geschichten der amerikanischen Erzählerin Flannery O‘Connor

Ein böser Blick auf eine Welt voller Sünder

Sie war einmal berühmt. Sie wurde nie ganz vergessen. Jahre nach ihrem frühen Tod 1972, wurden ihre Gesammelten Erzählungen posthum mit dem National Book Award ausgezeichnet. 2007 wurde das Buch sogar zum besten Buch gewählt, das jemals diesen bedeutendsten der amerikanischen Literaturpreise erhalten hat. Dank der neuen Übersetzung von Anna und Dietrich Leube lässt sich das jetzt auch bei uns wieder nachlesen.

Sie stammt aus dem Süden. Im Süden spielen ihre Geschichten. Flannery O’Connor wurde 1925 in Savannah, Georgia, geboren. Sehr früh wusste sie schon, dass sie einmal Schriftstellerin werden würde. Gefragt, warum sie schreibe, antwortet sie: »Weil ich es so gut kann.« Im Alter von sechsundzwanzig Jahren wird bei ihr eine Autoimmunerkrankung festgestellt. Sie zieht auf die Farm, die ihre Mutter geerbt hat, und wird von ihr bis zum frühen Tod – sie stirbt bereits mit 39 Jahren – versorgt.
Tod, Himmel und Hölle sind ihre großen Themen. Mörder, Verrückte, Diebe und Gauner, allesamt Sünder, sind die Menschen, für die sie sich interessiert.
Die Titelgeschichte erzählt von dem ebenso skurrilen wie tragischen Ende einer Familie. »Die Großmutter wollte nicht nach Florida«. Sie hatte nämlich gehört, dass in ihrer Nähe ein Schwerverbrecher, »Outlaw« genannt, aus dem Gefängnis ausgebrochen war. Die Familie mit den drei Kindern lässt sich davon nicht abhalten. Sie fahren los. Die Katze, von der Großmutter heimlich in einem Korb mitgenommen, springt plötzlich dem Fahrer in den Nacken, der erschrocken das Steuer herumreißt. Das Auto überschlägt sich. Doch die Insassen sind kaum verletzt. Schon bald kommen Leute, die den Unfall gesehen hatten, zu Hilfe. Und alles wäre gut ausgegangen, hätte die Großmutter ihr Plappermaul im Zaum halten können. Der »Outlaw« kennt, als er erkannt wird, kein Erbarmen.
In der Geschichte »Anständige Leute vom Land« geht es um die anständige Mrs. Hopewell und deren »dicke, ungeschlachte« Tochter Joy. Sie ist zweiunddreißig Jahre alt und hat zwar einen Doktor in Philosophie, aber auch ein Holzbein. Das Bein war »bei einem Jagdunfall durch einen Schuss zerschmettert worden. Sie war blitzgescheit, aber ohne einen Funken Vernunft.« Eines Tages kommt ein junger Mann zu ihnen, er will Bibeln verkaufen. Er gibt sich bieder und ein bisschen einfältig. Tatsächlich aber ist er verschlagen und regelrecht pervers. Er umgarnt die junge Frau, spricht sogar von Liebe. In der Scheune schnallt sie, auf seine ausdrückliche Bitte hin, das Holzbein ab. Er zeigt ihr, was in seinem Bibel-Koffer tatsächlich verborgen ist. Und macht sich mitsamt dem Holzbein aus dem Staube. Eine ebenso aberwitzige wie bitterböse Geschichte, brillant geschrieben.
Sheppard, ein Mann, der in einer Besserungsanstalt für Jugendliche als Berater arbeitet, hat vor einem Jahr seine Frau verloren. Er versucht, seinen zehnjährigen Sohn zu einem guten, selbstlosen Menschen zu erziehen. In der Anstalt begegnet er Rufus Johnson, vierzehn Jahre alt, mit einem ordentlichen Vorstrafenregister ausgestattet: Einbrüche, Überfälle, Unterschlagungen. Sheppard will den Jungen wieder »auf den richtigen Weg bringen, ihm vertrauen, an ihn glauben«. Eines Tages taucht dieser Rufus bei ihm zu Hause auf. Seine Zerstörungswut bleibt ungebrochen. Er wird von der Polizei aufgegriffen. Sheppard, völlig verblendet, findet für alle Verfehlungen eine Entschuldigung: »Ich werde dich retten. Das Gute wird siegen.« Dass sein kleiner Sohn Norton ihm währenddessen völlig entgleitet, spürt er nicht. Der Junge hätte bei seinen Versuchen, den Tod der Mutter zu bewältigen, dringend die Hilfe des Vaters gebraucht, Sheppard aber »hatte seine eigene Leere vollgestopft mit guten Taten«.
In dem Nachwort von Willi Winkler erfahren wir einiges über das Leben von Flannery O’Connor. Sie war, vom Schicksal gezeichnet, unfähig, Beziehungen einzugehen. Vermutlich zu »Recherchezwecken« ließ sie sich einmal von einem Bewerber küssen. Der sagte ihr, wie sie selbst berichtet: »Ich hatte das Gefühl, ein Skelett zu küssen.« Ihre Mutter soll nicht eine ihrer Geschichten gelesen haben, »sie waren ihr zu düster«. O’Connors stets glänzend erzählte Geschichten sind tatsächlich bitterböse, skurril und makaber. Sie stecken voller, allerdings schwarzem Humor, gespickt mit aberwitzigen Einfällen. Die Erzählerin galt als gläubige Christin. Regelmäßig, jeden Sonntag, ließ sie sich zur Messe fahren. Etliche ihrer Protagonisten sind allerdings vom Glauben abgefallen. Einer ihrer Helden meinte gar: »Die Bibel ist etwas für Feiglinge, für Leute, die Angst haben, auf eigenen Füßen zu stehen.«

Sigrid Lüdke-Haertel
Flannery O’Connor: »Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys«.
Aus dem amerikanischen Englisch von Anna Leube und Dietrich Leube.
Mit einem Nachwort von Willi Winkler. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2018, 344 S., 22,– €

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