»Die Gärtnerin von Versailles« ab 30.4.2015 im Kino

Die Gärtnerin von Versailles (Foto: Tobis)Wunderbar und frei erfunden

»Die Gärtnerin von Versailles« von Alan Rickman

Die erste Begegnung zwischen dem Gartenplaner und der Gärtnerin ist alles andere als romantisch, geradezu unfreundlich sogar: Beide stehen unter Druck, sie weil sie als Witwe für ihren Lebensunterhalt sorgen muss, er weil der König zur Fertigstellung der grandiosen Gärten drängt. Sie ist nervös und angespannt, und er benimmt sich schnöselig abweisend.

Allerdings ist es auch eine ziemlich ungeheuerliche Sache, dass sich am Ende des 17.Jahrhunderts in Versailles eine Frau mit dem Entwurf eines Barockgartens bewirbt. Zu einer Zeit, in der von den weiblichen Mitgliedern bei Hofe erwartet wurde, dass sie entweder als Schmuckstücke oder als Dienstmädchen fungieren. Kein Wunder also, dass André Le Nôtre, der Gärtner des Königs, den Schubs seines Beraters braucht, um Sabine de Barra dann doch einzustellen, als Architektin eines grandiosen Ballsaals mit Wasserspielen unter freiem Himmel. Ein Akt, der für einige Unruhe sorgt, die mit dem Originaltitel des Films »A Little Chaos« charmant umschrieben ist: Es geht darum, wie diese Frau die Geschlechter- und Klassengrenzen in Frage stellt und die Regeln und Rituale bei Hofe durcheinanderwirbelt. Wie sie den König, der gerade seine Frau verloren hat, bezaubert und sich langsam ins Herz eben jenes obersten Landschaftsgärtners einschleicht. Wie sie aber auch Missgunst und Eifersucht schürt, unter ihren männlichen Konkurrenten, unter den Männern, die murrend für sie arbeiten müssen, aber auch unter den Frauen, die einige Intrigen schüren. Systematisch weicht sie die festen Ordnungen bei Hofe auf, genau so, wie sie auch im Garten die perfekten Symmetrien der barocken Landschaftsarchitektur mit natürlichem Pflanzenwildwuchs aufbricht.
Kate Winslet spielt diese Sabine de Barra mit einer wunderbaren Mischung aus anpackender Entschlossenheit und intelligentem Charme, egal ob sie in der Erde wühlt, mit Kennerblick Pflanzen auswählt, kühne Pläne zeichnet oder erste zaghafte Schritte in der eleganten Hofgesellschaft wagt. Sie ist nicht nur die Titelheldin, sondern das Kraftfeld des Films, ebenso verführerisch wie mitreißend, eine wunderbare Figur, die nur leider frei erfunden ist: Sie ist ein Traumbild, das die Drehbuchautorin Alison Deegan von heute in die Vergangenheit projiziert hat und Alan Rickman 17 Jahre nach  seinem ebenfalls um weibliche Figuren kreisenden Regiedebüt »The Winterguest« erneut hinter die Kamera gelockt hat. Die ihm angebotene Rolle des Liebhabers hat er Matthias Schoenarts überlassen, um die Ereignisse als Sonnenkönig Ludwig XIV von den Rändern zu überwachen, in einem Film, der sinnlich, beschwingt und modern in den Schönheiten der Natur und im Prunk von Ausstattung und Kostüm badet.

Sarah Stern
DIE GÄRTNERIN VON VERSAILLES
(A Little Chaos)
von Alan Rickman, GB 2014, 116 Min.
mit Kate Winslet, Alan Rickman,
Stanley Tucci, Jennifer Ehle
Romanze
Start: 30.04.2015

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