Die Burgfestspiele Bad Vilbel (und Dreieichenhain) zeigen das Musical »Hair«

Burgfestspiele Bad Vilbel und Dreieichenhain: HairMit Lincoln pinkeln

Die Burgfestspiele Bad Vilbel (und Dreieichenhain) zeigen das Musical »Hair«

Als Pilger lassen sich die Besucher des Musicals »Hair« bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel schwerlich beschreiben. Keiner trägt eine Blume im Haar, und verboten süßlich-herb riecht allenfalls das ein oder andere Parfum. Jedenfalls vorher. Später, wenn das moderne Passionsspiel choral mit »Let The Sunshine in« schließt, sieht das anders aus: Manche tanzen, andere wiegen mangels Platz oder Beweglichkeit sich und die angereicherte Hüfte stehend im Rhythmus. Und die meisten strahlen selig mit leuchtenden Augen vor sich hin, auch wenn sie das verkörpern, was die auf der Bühne Gespielten nie werden wollten. »Schau, so siehst du in zehn Jahren aus«, zeigt gleich zu Beginn ein Spieler in die Ränge. Das ist noch kulant. Ja, ja, besonders jung ist das Publikum nicht, eher theaternormal.

Bei so viel Begeisterung an diesem Ort ist es müßig, über den politisch-emanzipatorischen Gehalt einer Schau zu sinnieren, bei der schon in der Entstehung das ökonomische Kalkül den Takt mitbestimmte, wenn nicht vorgab. Regisseur Daniel Ris tut darum gut, wenn er das 1967 uraufgeführte Werk (Text: Gerome Ragni, James Rado, Musik: Galt MacDermot) im Kontext von Flower-Power und Anti-Vietnam belässt. So blöd sind auch Alt-Hippies nicht, dass sie, sagen wir: Bundeswehruniformen bräuchten, um sich Bezüge ins Heute, deren es reichlich gibt, selbst zu denken.

Ohnehin dient die eher schlichte Geschichte vom einberufenen Hinterwäldler Claude aus Oklahoma, der auf dem Weg nach Vietnam eine Hippie-Kommune trifft, wesentlich dazu, auf kürzestem Weg zu den Songs zu gelangen, in denen sich das erstaunliche Spektrum dieser Quellbewegung der Sechziger spiegelt. Kein aktuelles Thema für Body & Mind, das nicht schon damals aufgegriffen worden wäre. Und keines, das hier ausgelassen wird, selbst Hare Krishna kommt nicht zu kurz. Im Lichte des erfrischend offensiven Umgangs mit Marihuana oder Haschisch muten viele sittengrüne Tugendpositionen heute beschämend an. Und nicht nur da überfällt einen der Gedanke, schon mal weiter gewesen zu sein.

Ris hat für seinen Augen- und Ohrenschmaus ein glattes Dutzend Darsteller und genauso viele Chor- und Tanzstatisten (»Ensembletribe«) in eine batikbunte Horde von langmähnigen Hippies verwandelt. Jesus, Janis, Jimi und Angela Davis, alle sind, wenn es im Dutzend zu den live gespielten Hits des Rock-Musicals (Leitung: Marty Jabara) in mitreißend wilden Choreographien von Katie Farker über die mit riesigen Schaumstoffblumen behangene Bühne geht. Dass sich der Regisseur für eine deutschsprachige Version entschied, öffnet die Songs auch jenseits der oft sehr vertrauten Melodie. Bis hin zur Erkenntnis, dass man Abraham Lincoln auf Pinkeln reimen kann. Fast schon Frankfurter Schule, wüsste man von Anglisten nicht, dass die Amerikaner das zweite L im Namen des Präsidenten wie des Autotyps unterschlagen.

Mit Victoria Müller (Dionne) hat das Ensemble eine wunderbar feste schwarze Stimme in den tragenden Songs (»Aquarius, Let the Sunshine in«), Magdalena Gantner (Marjorie) berührt mit der zum Hinschmelzen zarten Ballade »Frank Mills«, Paulina Placinski (Sheila) mit »Good Morning Starlight«. Spielerisch fällt Angelina Arnold (Jeanie) auf. Von den Jungs singt Krisha Dalke (Hiram) am besten, während Daniel Schröder (Hud) und Korbinian Arendt (Berger) eher schauspielerisch überzeugen. Letzterer so sehr, dass das Publikum ihm fast beleidigt den Beifall versagt, weil er in seiner letzten Szene einen Macho gibt. Hippieness verpflichtet.

Winnie Geipert
Termine
Bad Vilbel: 1., 19., 20., 21., 22. Juli, jeweils 20.15 Uhr;
Dreieichenhain: 25., 26., 37. Juli, jeweils 20 Uhr

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