Die Becher-Klasse im Frankfurter Städel

Fotografien werden Bilder

Darüber, wie sie nun eigentlich genau heißt, herrscht bis heute Uneinigkeit. Düsseldorfer Photoschule, Düsseldorfer Fotoschule, Düsseldorfer Schule, Becher-Schule oder Becher-Klasse – so wird die bekannteste Schule in der deutschen Fotokunst genannt. Einigkeit besteht allerdings darüber, wie enorm der Einfluss der Fotografen Bernd und Hilla Becher auf ihre Schüler und damit auch auf die Entwicklung der Fotokunst weltweit war. An der Düsseldorfer Kunstakademie und im Atelier von Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf-Kaiserswerth wurde Fotogeschichte geschrieben.
Ihr mit Plattenkameras seit den späten fünfziger Jahren entstandenes Werk ist nicht nur in fotografischer Hinsicht interessant, sondern auch kulturhistorisch. Viele der von ihnen fotografierten Objekte und Anlagen verschwanden bald nach der Dokumentation – und existieren heute nur noch in den Fotografien.
Früh erkannten Bernd und Hilla Becher, dass sich die Welt der Bergbau- und Stahlindustrie grundlegend ändern würde. So erschufen sie über die Dekaden ein großes Bildinventar. Sie fotografierten Bergwerks- und Hüttenanlagen, Gasbehälter, Getreidesilos, Kühl- oder Wassertürme, aber auch Wohnbauten in Deutschland, Niederlande, Belgien, Frankreich, Luxemburg und Großbritannien sowie in den USA – zumeist mittig im Bild platziert, gestochen scharf, vor grauem, wolkenlosen Himmel.
Fotoästhetisch überzeugen die typologischen Serien der Bechers durch einen stilistisch strengen Minimalismus, der schnell mit der in den sechziger Jahren aufkommenden Konzeptkunst und Minimal Art in Zusammenhang gebracht wurde. Doch steht ihr Werk gleichermaßen auch in der Tradition der Neuen Sachlichkeit, berührt in ihrer Systematik auch Ideen der Naturwissenschaften. Heute gelten die Bechers als Klassiker der Fotokunst des 20sten Jahrhunderts.
Im Frankfurter Städel zeigt die Ausstellung »Fotografien werden Bilder. Die Becher-Klasse« nun Arbeiten der Lehrer und der Schüler der ersten Fotoklasse der Düsseldorfer Kunstakademie – nämlich von Bernd und Hilla Becher, Candida Höfer, Andreas Gursky, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Thomas Struth, Volker Döhne, Axel Hütte, Tata Ronkholz und Petra Wunderlich. Zumeist klingende Namen, die allesamt bei Bernd Becher studiert haben, der von 1976 bis 1996 eine Professur für Fotografie in Düsseldorf innehatte.
Der Siegeszug der Becher-Klasse dauert bis in die Gegenwart an. Als ihr Kennzeichen gilt gemeinhin eine objektivierende Sichtweise, die sich – in einer Tradition mit bestimmten Konzepten des Neuen Sehens und der Bauhaus-Fotografie – bis in die Gegenwart fortspinnt. Und in Frankfurt sind sie nun zu sehen, echte Inkunabeln der Fotogeschichte, welche die Kuratoren Martin Engler und Jana Baumann zu einer Ausstellung verdichtet haben. Diese stellt vor allem zwei Fragen: Gibt es ein gemeinsames Band, eine gemeinsame Bildstrategie der Becher-Schüler? Und wie konnte es passieren, dass sich ausgerechnet diese Fotografie international durchsetzen konnte – und heute gelegentlich sogar als »typisch deutsch« wahrgenommen wird?
Denn die Einflüsse auf die Becher-Klasse kamen am Anfang eher aus dem Ausland, aus den USA vor allem. Es ist zu Recht darauf hingewiesen worden, dass es die amerikanische Konzeptkunst, Minimal Art und Pop Art waren, welche Bernd und Hilla Becher entscheidend beeinflusst haben. Für sie war ein Foto nie nur ein Foto, sondern mehr als das: ein Bild. Mit ihren »Typologien« von aus der Distanz fotografierten Gebäuden schufen sie konzeptuelle Werke, die damals vollkommen neuartig waren.
Die Ausstellung zeigt all das: die immer größer werdenden, spektakulären, visuell überwältigenden Bilder von Gursky, Struth oder Ruff, die geheimnisvollen digitalen Kompositionen von Jörg Sasse, aber auch reichlich Ungesehenes wie Tata Ronkholz’ Fotografien von Trinkhallen und Schaufenstern oder Candida Höfers Bilder aus der türkischen Community in Köln: eine Zeitreise in die Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre.

Marc Peschke (Foto: © Volker Döhne)
Bis 13. August, Städel Frankfurt,
Schaumainkai 63. Geöffnet Di.–So. 10–18, Do. u. Fr. bis 21 Uhr.
www.staedelmuseum.de

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