»Die andere Seite der Hoffnung« von Aki Kaurismäki

In Helsinki gestrandet

Weil er faul sei, müsse er immer eine Trilogie machen, um sich überhaupt zu etwas bewegen zu können, sagte Regisseur Aki Kaurismäki auf der Pressekonferenz der Berlinale: Voraus ging die Frage, warum es nach »Le Havre« in seinem neuen Film wieder um eine Hafenstadt und das Flüchtlingsthema gehe.

Diesmal also nicht Frankreich, sondern Finnland, nicht Le Havre, sondern Helsinki. Der Syrer Khaled (Sherwan Haji) kommt dort auf einem Lastkahn an, in einer Ladung Kokskohle versteckt. Als er den Kohlestaub schließlich unter einer Dusche herunterspült, lässt »Psycho« grüßen. Es wird nicht der einzige Verweis in diesem Film bleiben. Der Titel »Die andere Seite der Hoffnung« verrät es schon: bis zum Schluss wird in Andeutungen und Anspielungen, zumeist auf Kaurismäkis eigene Filme, das schwache Licht der Hoffnung leuchten.
Und das ist bitter nötig, denn auch in diesem Kaurismäki-Werk geht es um gefährdete gesellschaftliche Randexistenzen. Die Finnen seien zauberhaft, hat jemand auf dem Schiff Khaled erzählt. Stimmt, aber es gibt unter ihnen auch die hässlichen Exemplare, die dunkelhäutigen Ausländern auflauern, um sie zu verprügeln oder abzustechen. Unsympathische Raufbolde tauchen als Verkörperung einer brutalen Gesellschaft immer wieder bei Kaurismäki auf. Jetzt sind es die Skinheads der »Finland Liberation Party«, die das Bild von den friedlichen Einheimischen trüben.
Khalid stellt einen Asylantrag auf dem nächsten Polizeirevier, das wie aus den 60er Jahren ausschaut. Kaurismäkis Retro-Gesinnung beschränkt sich eben nicht nur auf das auch in diesem Film wieder verwendete 35mm-Filmmaterial. Ein Beamter tippt auf einer Schreibmaschine im Einfinger-Suchsystem die Personendaten ins Formular. Doch der Antrag wird abgelehnt werden, weil es in Khaleds Heimatstadt Aleppo angeblich wieder sicherer wird. Derweil zeigt das Fernsehen Bilder von der zerstörten Stadt. Der sympathische Flüchtling und die blinden Institutionen, die ihn ins Reich des Todes zurückschicken wollen.
Doch Khaleb steht nicht allein in Helsinki. Er wird von einer anderen verlorenen Seele aufgelesen, dem Kneipenwirt Wikström (Sakari Kuosmanen). Auch der ist – in gewisser Weise – auf der Flucht. Er verlässt seine Frau nach dem Frühstück – so lakonisch, wie man es sonst vielleicht nur noch in den Filmen des Schweden Roy Andersson sieht. (Über die Parallelen und Unterschiede zwischen beiden Regisseuren lohnte es sich, einmal nachzudenken.) Und er verkauft seine Handelsvertretung für Krawatten und Hemden, um nach einem märchenhaften Gewinn beim Poker die ziemlich kuriose Gaststätte »Zum Goldenen Krug« zu erwerben. Mit lethargischem Personal und einem Hund, der den Hygiene-Vorschriften Hohn spricht. Doch die Gaststätte läuft schlecht, das Personal ist lethargisch, Wikström stellt auf finnisches Sushi um. Und was dabei herauskommt, ist nach typischer Kaurismäki-Manier saukomisch.
Man kann nämlich seine stark überzeichnete Anklage gegen europäische Abschottungsbemühungen auch als eine schwarze Komödie ansehen. Dazu muss man nur das bittere Spiel mit Klischees für ein Kennzeichen dieses Genres halten. Mit seinem distanziert ironischen Stil der Langsamkeit vermeidet es Kaurismäki, sein Publikum belehren zu wollen. Und seine traurigen Figuren, die im entscheidenden Augenblick dann doch eine menschlische Entscheidung treffen, wissen immer noch ihr Publikum zu verzaubern.

Claus Wecker (© Sputnik Oy/Fotograf Malla Hukkanen)
DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG (Toivon tuolla puolen)
von Aki Kaurismäki, FIN 2017, 98 Min.
mit Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen,
Ilkka Koivula, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu, Kaija Pakarinen
Drama
Start: 30.03.2017

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