Der Thriller »Die Mauer« von Max Annas

Glasklar, schnörkellos, rasant und ohne ein Gramm Fett

Solch ein Buch haben Sie noch nicht gelesen. Wäre es ein Film, würde man sich immer wieder dabei ertappen, wie man sich vorlehnt, um in die Leinwand hineinzukriechen. Um noch näher an dem ohnehin schon Nahen dran zu sein. Wie ein ausgefuchster Zauberer, die Unterarme völlig entblößt und das Repertoire seiner Magie damit scheinbar aufs heftigste behindert, entwickelt Max Annas aus einem minimalistischen Plot ein unglaublich reichhaltiges, vielschichtiges und wahnwitzig temporeiches Stück Erzählung. Literarisch ist das ebenso minimalistisch wie radikal. Als Spannungsroman funktioniert „Die Mauer“ zu hundertfünfzig Prozent. Dieser Thriller ist Psychogramm und Kammerspiel, Drama und Komödie, Slapstick-Elemente inklusive, sein politischer Subtext erzählt nicht nur etwas über Südafrika (wo die Handlung spielt), sondern gilt universell. Dieses Buch ist ein Diamant. Aus jedem Winkel funkelt es anders. Sartres »Die Eingeschlossenen von Altona« wie auch seine »Geschlossene Gesellschaft« scheinen auf, aber auch die Keystone Cops, Bunuels »Würgeengel« oder die zeitlupengedehnten Filmsequenzen von John Woo.
»Die Mauer« von Max Annas ist ein Kriminalroman, den ich – ein Leser mit vielen Lektürejahren auf dem Buckel – mit keinem anderen Buch vergleichen kann. Höchstens mit dem letzten dieses Autors, mit dem er 2015 den deutschen Krimipreis gewann (»Die Farm«, 2015). Am ehesten noch fallen mir Filme ein. Etwa Howard Hawks, Anthony Mann und Don Siegel, drei Feinmechaniker des Aktionsfilms. Man achte auf das »s«, denn das macht mehr als bloß »action«. Ihre Figuren bewegen sich stets mit der größten Selbstverständlichkeit, sind glaubwürdig und physisch. Sind einfach da. Und agieren. Man sieht ihnen zu und zweifelt nicht. Sie sind Figuren, die in dein Leben traten, einfach so, und nichts ist spannender, als ihnen dabei zuzusehen, wie sie die sich ihnen entgegentürmenden Hindernisse meistern.
Bei Max Annas ist das – wie in jedem guten großen Western – ein Trio. Nur dass hier der eine nichts von den beiden anderen weiß, sie alle aber Teil eines Ganzen sind. Hauptfigur ist der Student Moses, der wegen einer Autopanne in einer südafrikanischen »Gated Community« bei einem Kommilitonen Hilfe suchen will, als Schwarzer aber schnell von den Sicherheitsleuten der Weißen-Siedlung quer durch Häuser und über Hecken und Zäune gejagt wird. Zeitgleich ist dort ein zu vertuschendes Verbrechen geschehen, dem wiederum kommt ein Einbrecherpärchen zu nahe. Drei Personen suchen einen Ausweg. Wir schauen ihnen zu wie im Kino. Denn Max Annas schreibt glasklar, schnörkellos, ohne ein Gramm Fett. Zitat: »Ruhig gehen. Nicht umschauen. Bleib cool, sagte er sich. Weitergehen, einfach weitergehen, dachte er. Vielleicht war alles schon bald vorbei. Abbiegen. Weitergehen.«
Wie kommt man aus einer geschlossenen Gesellschaft wieder heraus? Max Annas dekliniert das durch. Actionreich (ohne »s« diesmal) und stellenweise sehr blutig. Mein Kolumnentitel ist dieses Mal nicht übertrieben. Die Kapitel – oft nur eine gute Seite lang, auf Seite 100 sind wir schon bei Nummer 46 – sind filmisch, Max Annas, ein ausgewiesener Cineast, schneidet sie mit meisterlicher Hand, ganz ohne diese Cliffhänger-Attitüde, die auf die Dauer nur abstumpft. Dieses Buch muss und kann man zweimal lesen, einmal atemlos, auf das pure Vorwärtshasten hin – wie geht das aus? Einmal langsamer und mit Aufmerksamkeit für die Details. Etwa, was da in den Kurzzeichnungen der Polizisten und Sicherheitsleute an südafrikanischer Geschichte aufblitzt. Shaka Zulu heißt ein von den Ordnungskräften herbeigebrachter deutscher Schäferhund, »sein Hundeführer Dlomo war der erste Schwarze in East London gewesen. Ein guter Mann. Vor seinen Hunden waren zwei Generationen Tsotsis in Panik davongerannt.« Es lohnt sich, den Begriff Shaka Zulu im Internet zu suchen. So, wie es sich auch lohnt, »Max Annas« und »Culturmag« als Suchbegriffe einzugeben. Für das online-Kulturmagazin dieses Namens schreibt Max Annas Kritiken, vor allem die Filmkolumne »On Dangerous Ground«, in der er kenntnisreich und anschaulich »Film, Verbrechen und ungleichen Mitteln« hinterherspürt.
Unter den heutigen deutschen Kriminalautoren ist Max Annas eine Seltenheit. Auch über diesen Roman und dessen Vorgänger hinaus. Wie viele Autoren schreiben Kritiken? Trauen sich das? Können das? Und wer hat schon solch eine Biografie? Auszug: »Lebte bis vor kurzem in Südafrika, wo er immer noch an einem Forschungsprojekt zu südafrikanischem Jazz an der University of Hare arbeitet.« Eine Studie von Max Annas über »Nazirock, Jugendkultur und rechter Mainstream« stammt von 1993, eine Sammlung schwarzer revolutionäre Stimmen von 2003, ein Porträt des Ethnologen Claude Lévi-Strauss von 2004. »Die Mauer« kommt so schlank, schnell und simpel daher wie ein Western von Howard Hawks oder ein Thriller von Don Siegel. Einfach nur das, was man gerade sieht. Und doch hallt das Echo lange nach. Und doch weiß man, dass das gerade ein Meisterwerk war, was einem da um die Sinne flog.

Alf Mayer

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