Der Schriftsteller Frank Göhre schreibt an den Kritiker Thomas Wörtche

Brief an meinen Lehrer in Sachen Kriminalliteratur

Frank Göhre (Jahrgang 1943) gehört seinerseits zu den renommiertesten Krimi-Autoren Deutschlands, zu seinen Romanen zählen »St.-Pauli-Nacht«, »Goldene Meile«, »Zappas letzter Hit« oder »Der Auserwählte«. Er hat Drehbücher für den »Tatort« geschrieben und für den Film »Abwärts«, hat den Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser wieder zugänglich gemacht und im letzten Jahr zusammen mit Alf Mayer nach der Lektüre aller 55 Polizeirevier-Romane das Buch »Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier« verfasst, das es seit kurzem auch in einer Printversion gibt (CulturBooks unplugged). Er hat an Thomas Wörtche, den auch unser Autor Alf Mayer als Lehrer schätzt, einen Brief geschrieben.

Lieber Thomas,
als ich vor einiger Zeit Dein Buch »Penser Polar« in den Händen hielt, hatte ich einen mich anfangs irritierenden Flash. Ich erlebte mich als 11-jähriger Gymnasiast. Es war das Jahr 1954, und meine Lehrer waren Kriegsheimkehrer oder ehemalige Sturmbannführer und Ortsgruppenleiter. Einigen von ihnen schwebte noch immer vor, wie die deutsche Jugend zu sein hatte: »In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl!« (Adolf Hitler)
Das hieß konkret: Der Mathe- und Sportlehrer schlug uns im Klassenzimmer mit den Lineal auf die Finger und trieb uns in der Turnhalle mit der Kordel seiner Trillerpfeife die Kletterstange hoch. Strammstehen und Hacken zusammenschlagen war ohnehin Schulalltag.
Es gab aber auch den Englischlehrer X., tagtäglich mit frisch gebügeltem Hemd, blauweiß gestreift, Button-down-Kragen, graue Hose und dezent kariertes Jackett mit Ellbogenschonern. Er war schlank, wirkte sportlich, und war doch sehr oft krank. Wir Schüler wussten nicht, an was er litt. Wir wussten nur, dass er als Soldat unter Rommel, dem »Wüstenfuchs«, in Afrika gewesen war. Davon erzählte er in so gut wie jeder Stunde, in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch, wirr mitunter, aber eindringlich, sich mal zu dem, mal zu jenem auf die Bank setzend oder am offenen Fenster eine seiner flachen ägyptischen Zigaretten paffend. Das gefiel uns Kurzen. Wir mochten ihn, weil er uns ohne Druck unterrichtete, Persönliches mit einflocht und uns schließlich auch offenbarte, an dieser gottverdammten Malaria  erkrankt zu sein. Dass er die Malariaanfälle mit Unmengen an Gin-Tonic zu mildern versucht hatte, erfuhren wir erst nach seinem Tod.
Da war ich Dreizehn, und mit dem neuen Englischlehrer gings bei mir fortan bergab. Ich verlor die Lust am Lernen. Ich habe nicht gleich begriffen, was das mit Dir, lieber Thomas, und Deinen »Krimikolumnen der Polar Gazette« zu tun hat. Aber ich denke, es ist die Art und Weise, wie Du Deine Kenntnisse, Dein Wissen über das »Genre« Kriminalliteratur vermittelst, wie Du dem Leser gegenüber auftrittst. Jedenfalls nicht als der klassische oder gar sadistische Pädagoge meiner Jugend mit Lineal und Trillerpfeifenkordel (obwohl manch dumpfer Regionalschreiberling das so empfinden mag) – nein, in meiner Wahrnehmung schreibst Du unangestrengt, intelligent plaudernd, also durchweg unterhaltsam von Büchern und ihren Autoren, die uns die Welt nicht erklären wollen, sondern davon erzählen, wie sie ist. In Europa wie in Übersee, auf allen Kontinenten.
Ich habe Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal Texte von Dir gelesen, im dem von Martin Compart und Dir herausgegebenen  »Jahrbuch der Kriminalliteratur 1989«, in den nur kurzlebigen Krimimagazinen »Underground« und »Speakeasy«. Das waren Interviews mit Joseph Wambaugh, Jerome Charyn, Ross Thomas, Jerry Oster und Thomas Adcock.
Für mich waren sie Ansporn, mehr über diese Autoren wissen zu wollen, und einmal auf einem solchen Lese- und Erkundungstripp, entwickelten sich dann eigene Projekte. Mein »Frühstück mit Marlowe. Rezepte und Geschichten«, die Texte über Jim Thompson, Charles Willeford, James Lee Burke und vor allem Chester Himes sind Resultat Deiner Hinweise. Und ich weiß noch, wie ich Dir, dem »Experten«, den ich bis dato nicht persönlich kannte, auf der Buchmesse mein Umbruchexemplar in die Hand drückte, mit der unausgesprochenen Bitte versteht sich, es in einer Deiner Publikationsforen zu erwähnen. Business eben.
Ob Du es getan hast oder nicht – keine Ahnung. Ist auch egal. Denn wichtiger war mir letztlich und ist mir bis heute, Dir zu demonstrieren, dass Du mit Deinem Verständnis von Kriminalliteratur, von Literatur also, nicht allein dastehst, vielmehr – um im Anfangsbild zu bleiben – Schüler hast, die ebenso engagiert und leidenschaftlich darüber reden und schreiben.
Und das hat uns dann auch arbeitsmäßig zusammen geführt, zum Online-Magazin »CrimeMag«, zu Deiner Ermunterung und Unterstützung meiner Reisen auf den Spuren von …
Okay.
Ein langer Vorspann zu einem Ausdruck von Freude über Deine gesammelten Kolumnen, über Deinen wunderbaren Einstieg, Dein eigenes Motto sozusagen:
»›Krimi‹ ist inflationär geworden. Krimi nervt. Krimi verspielt jegliche Reputation, wenn er  sich in vorauseilendem Gehorsam jeder noch so albernen Zumutung des Marketings unterwirft. Das ist manchmal sogar kreuzkomisch.  Und darauf kann man eigentlich nur mit dem gebotenen Unernst reagieren.«
Recht so, lieber Thomas, und getreu dieser Einsicht soll es weitergehen, mit Dir, mit uns.
In diesem Sinn
Dein »Schüler« Frank

 

Thomas Wörtche ist Herausgeber des Online-Magazins CrimeMag, zu finden bei: www.culturmag.de
Thomas Wörtche: Penser Polar. Versammelte Kolumnen und Texte. Polar Verlag, Hamburg 2015. 166 Seiten, 13,30 Euro.
Frank Göhre/Alf Mayer: Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report. Digitales Original. CulturBooks Longplayer, Hamburg 2015. Als eBook 220 Seiten. , 8,99 Euro. Als Printversion und Klappenbroschur. CulturBooks Unplugged. 292 Seiten, 17,90 Euro.

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