»Der Idiot« am Schauspiel Frankfurt

Der IdiotEs geht ans Eingemachte

Stephan Kimmig inszeniert Dostojewskis Roman »Der Idiot« am Schauspiel Frankfurt

Das Epos vom großen Scheitern eines christusgleichen Erneuerers Russlands eröffnet den geplanten Dostojewsky-Zyklus am Schauspiel Frankfurt. »Der Idiot«, inszeniert von Stephan Kimmig in einer von ihm selbst geschriebenen Bühnenfassung, könnte der Höhepunkt des Frankfurter Theaterherbstes werden.

Der zur deutschen Regieelite zählende Schwabe, der in Frankfurt zuletzt mit Wedekinds »Lulu« (mit Kathleen Morgeneyer) und dem Gastspiel »Kinder der Sonne« punktete, musste wohl nicht lange grübeln bei seiner Entscheidung. Auch wenn es in Dostojewskis fast 1.000 Seiten dickem Werk um den Einbruch des kapitalistischen Denkens im alten Zarenreich gehe, sei der Stoff von einer frappierenden Aktualität und überaus passend für die Bankenmetropole Frankfurt, stellte der Regisseur bei der Neulektüre dieses Zeitgemäldes von 1868 fest. Fast alle Figuren seien von einer solchen »Geldbesessenheit« gezeichnet, dass sich das von ihnen konturierte Bild einer zerfallenden Gesellschaft problemlos auf unsere Gegenwart übertragen lasse, die ja auch in den vergangenen Jahrzehnten sämtlicher Werte verlustig gegangen sei. Ein Aufrichtigkeit und Nächstenliebe vorlebender Mensch wie Fürst Myschkin würde hier und heute genauso zum Idioten gestempelt wie der literarische in seiner Zeit.

Neben dem Kosmos des Geldes werde der Kosmos der Liebe das zweite Leitthema seiner Inszenierung, kündigt Kimmig an. So sehr die Protagonisten auch nach Geld gierten, gehe es ihnen maßgeblich doch um ihre Sehnsucht nach Nähe, Berührung und Verschmelzung. Dostojewski dringe so tief in das Empfinden seiner Figuren und gehe dabei »so ans Eingemachte«, wie er das von keinem anderen Roman- oder Theaterautoren kenne: »So kann nur jemand beobachten, der selbst ohne Rücksicht und ohne jedes Maß gelebt hat.« Es sei eine »schwarze Reise«, auf die der Autor seinen Fürst Myschkin schicke, der sie bettelarm aus dem Schweizer Sanatorium zurückkommend unternehme, um sein geliebtes Russland zu retten. Eine Reise, auf der dieser verletzliche Mensch mit seiner verzehrenden Liebessehnsucht in der Zerstörung aufgehe.

So wie das Bühnenkonzentrat Kimmigs inhaltliche Abstriche machen muss, so werden auch die Romanfiguren nur in begrenzter Anzahl (neun) übernommen. Die Hauptrolle fällt – einmal mehr – Nico Holonics zu, sein dunkler liebeswahnsinniger Widersacher Rogoshin wird von Lukas Rüppel gespielt. Die beiden so gegensätzlichen Frauen, die Myschkin hingebungsvoll liebt, sind mit Lisa Stiegler als Aglaja und Katharina Bach als Nastassja Filippowna jüngstbesetzt. Neben Ganja (Isaak Dentler), der Generalin (Verena Bukal) und dem herrlichen Lebedew (Christoph Pütthoff) hält Kimmig auch am todkranken Suizidkandidaten Ippolit fest, den er Paula Hans anvertraut, und dem es als einzigem noch schlechter gehe als dem Prinzen. Freuen wir uns drauf.

Winnie Geipert
Premiere: 8. November, weiterer Termin: 16. November, jeweils 19 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

Das Epos vom großen Scheitern eines christusgleichen Erneuerers Russlands eröffnet den geplanten Dostojewsky-Zyklus am Schauspiel Frankfurt. »Der Idiot«, inszeniert von Stephan Kimmig in einer von ihm selbst geschriebenen Bühnenfassung, könnte der Höhepunkt des Frankfurter Theaterherbstes werden.
Der zur deutschen Regieelite zählende Schwabe, der in Frankfurt zuletzt mit Wedekinds »Lulu« (mit Kathleen Morgeneyer) und dem Gastspiel »Kinder der Sonne« punktete, musste wohl nicht lange grübeln bei seiner Entscheidung. Auch wenn es in Dostojewskis fast 1.000 Seiten dickem Werk um den Einbruch des kapitalistischen Denkens im alten Zarenreich gehe, sei der Stoff von einer frappierenden Aktualität und überaus passend für die Bankenmetropole Frankfurt, stellte der Regisseur bei der Neulektüre dieses Zeitgemäldes von 1868 fest. Fast alle Figuren seien von einer solchen »Geldbesessenheit« gezeichnet, dass sich das von ihnen konturierte Bild einer zerfallenden Gesellschaft problemlos auf unsere Gegenwart übertragen lasse, die ja auch in den vergangenen Jahrzehnten sämtlicher Werte verlustig gegangen sei. Ein Aufrichtigkeit und Nächstenliebe vorlebender Mensch wie Fürst Myschkin würde hier und heute genauso zum Idioten gestempelt wie der literarische in seiner Zeit.
Neben dem Kosmos des Geldes werde der Kosmos der Liebe das zweite Leitthema seiner Inszenierung, kündigt Kimmig an. So sehr die Protagonisten auch nach Geld gierten, gehe es ihnen maßgeblich doch um ihre Sehnsucht nach Nähe, Berührung und Verschmelzung. Dostojewski dringe so tief in das Empfinden seiner Figuren und gehe dabei »so ans Eingemachte«, wie er das von keinem anderen Roman- oder Theaterautoren kenne: »So kann nur jemand beobachten, der selbst ohne Rücksicht und ohne jedes Maß gelebt hat.« Es sei eine »schwarze Reise«, auf die der Autor seinen Fürst Myschkin schicke, der sie bettelarm aus dem Schweizer Sanatorium zurückkommend unternehme, um sein geliebtes Russland zu retten. Eine Reise, auf der dieser verletzliche Mensch mit seiner verzehrenden Liebessehnsucht in der Zerstörung aufgehe.
So wie das Bühnenkonzentrat Kimmigs inhaltliche Abstriche machen muss, so werden auch die Romanfiguren nur in begrenzter Anzahl (neun) übernommen. Die Hauptrolle fällt – einmal mehr – Nico Holonics zu, sein dunkler liebeswahnsinniger Widersacher Rogoshin wird von Lukas Rüppel gespielt. Die beiden so gegensätzlichen Frauen, die Myschkin hingebungsvoll liebt, sind mit Lisa Stiegler als Aglaja und Katharina Bach als Nastassja Filippowna jüngstbesetzt. Neben Ganja (Isaak Dentler), der Generalin (Verena Bukal) und dem herrlichen Lebedew (Christoph Pütthoff) hält Kimmig auch am todkranken Suizidkandidaten Ippolit fest, den er Paula Hans anvertraut, und dem es als einzigem noch schlechter gehe als dem Prinzen. Freuen wir uns drauf.
Winnie Geipert

Premiere: 8. November, weiterer Termin: 16. November, jeweils 19 Uhr
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