Thomas Hettches Autobiographie »Totenberg«

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Der große Charme einer kleinen Nadel im Arm

Der Ärmste stammt tatsächlich aus einem Ort bei Gießen. Er rollt, wenn auch nur noch leicht, wie Leute in der Wetterau, das »R«.  Allerdings bewegt er sich souverän auf dem literarischen Parkett zwischen den Metropolen Frankfurt und Berlin. Schon sein erster Roman »Ludwig stirbt« war ein großer (Kritiker-)Erfolg. Spätestens mit seinem spektakulären »Fall Arbogast« eroberte er sich auch ein größeres Publikum. Mit »Woraus wir gemacht sind« schrammte er haarscharf am Deutschen Buchpreis 2006 vorbei. Und jetzt, in seinem »Totenberg«, aus guten Gründen ohne jeden Untertitel, legt er eine Art Autobiographie vor. Skizzen, Essays, Berichte, Erzählungen. Faszinierende Stücke, aber auch schwierigere Passagen.

Auf den Spuren von Ernst Jünger: Ein Besuch bei dem Verleger Michael Klett, dem (auch schon alt gewordenen Junior-)Chef der bekannten Verleger-Dynastie. Klett überrumpelt Hettche gleich mit einer Frage: „Wußten Sie, daß, wenn etwas Schlimmes geschah, als seine Frau starb, als sein Sohn sich erschoß, daß da Jüngers Hemd am linken Arm immer völlig blutig war?“. Kletts Besucher,  naturgemäß ziemlich verblüfft, fragt dementsprechend: „Wieso das denn?“ Der Verleger kennt die Wirkung seiner Anekdote. Er schätzt seinen Autor Ernst Jünger  und bewundert dessen Haltung. Nicht ohne Stolz erklärt er: Jünger »trug stets eine Nadel unter dem Revers. Und wenn eine Schmerzwallung in ihm hochkam, hat er sich diese Nadel in den Unterarm gestochen, durch das Jackett hindurch, um sich vom psychischen Schmerz durch einen physischen abzulenken.« Mit dieser kleinen Geschichte ist Thomas Hettche gleich mittendrin in dem immer noch abschreckend verwirrend komplexen, aber auch abstrus faszinierenden Syndrom, das sich mit dem Namen und der Gestalt von Ernst Jünger verbindet.

»Totenberg« enthält zehn solcher Geschichten, Reportagen und Essays, in denen Thomas Hettche Begegnungen, Ereignisse und Erfahrungen beschreibt, die ihn – auf die eine oder andere Weise, auf jeden Fall tief – geprägt haben. Er beschreibt seine Lehrer (vor allem: Lehrerinnen), seine Vor- und seine Schreckbilder, seine Lektüren und seine Auseinandersetzungen mit den kleinen Fragen, die auch große Autoren aufwerfen. In seinem Porträt von Anita Albus, kenntnisreich, gelehrt und so differenziert (daß ich mir kein Urteil anmaßen möchte), kommt er auch auf die religiöse Wende in der gegenwärtigen Literatur zu sprechen, die einige unserer Schriftsteller (wie Martin Mosebach etwa) umtreibt.

Am dichtesten schreibt er sich an seine Biographie heran mit der titelgebenden Geschichte »Totenberg«. In seinem Elternhaus, das der Vater noch weitgehend selbst gebaut hatte, steht eine alte, leere Kiste, die der Mutter als einziges Erinnerungsstück geblieben ist, nachdem sie aus dem Sudetenland vertrieben wurde. Die Kiste ist Ausdruck für Heimatlosigkeit, sie enthält ein »verschwundenes Haus, einen verschwundenen Ort, ein ganzes verschwundenes Land«. Das hessische Dorf, in dem der Hausberg »Totenberg« genannt wird, ist für ihn längst »nichtssagend« geworden. Nach der Wende fährt er mit der Mutter in die »Tschechei«, in ihr Heimatdorf. Als sie auf  Bäume und Büsche zeigt und mit leuchtenden Augen und aufgeregter Stimme ruft: »Hier war unser Haus … und dort war die Schule, und da war der Brunnen«, ist das für ihn nur peinlich. »Es poltert schließlich all dieses Geröll der Vergangenheit zusammen auf den Boden der Realität, verkantet und schichtet sich, immer verdichteter, immer unverrückbarer. Und nur in den Ritzen findet man später manchmal noch glückhafte Momente voller Verwunderung und Wiedererkennen, Reste der eigenen verlorenen Welt.«

Für Hettche füllt sich diese Leere erst durch die Literatur, durch Lesen und Schreiben. Hettches Porträts zeugen von Nähe und Distanz zugleich. Er sieht genau hin und vermeidet doch jede Indiskretion.  Die Fotografin Angelika Platen hat ihr Leben in fünf Schubladen getan. Über die vierte, ihre zwei Jahrzehnte in Frankreich, will sie nicht reden. Hettche bedrängt sie nicht, denn er erinnert sich, wie er, noch nicht in der Schule, Tabletten seiner Großmutter schluckte. Nachdem man ihm im Krankenhaus den Magen ausgepumpt hatte, sprach er ein Jahr lang kaum und wenn, dann nur stotternd. Er selbst kann sich daran nicht mehr erinnern.  »Eine verschlossene Schublade und die Seele darin.« So fließt zuweilen auch in hochtheoretische Erwägungen noch eine ganz persönliche Erinnerung. Auf Sylt trifft er eine Buchhändlerin. Viel Prominenz kaufte bei ihr ein: Axel Springer, Inge und Walter Jens. Jens »wollte nicht nackt baden. Die Straße der Impotenz, wie er sagte, hat er gemieden, wo die Schwänze so runterbaumelten.« Die exzentrische Tänzerin Valeska Gert trinkt häufig ihren Tee in der Buchhandlung. Nach dem Krieg hatte Gert ein kleines Lokal, den Ziegenstall eröffnet, in dem sie gelegentlich noch tanzte, aber auch Carmen tanzen ließ. »Und alle hielten den Atem an. ›Weil sie so schön war?‹ Sie sieht mich einen Moment lang schweigend an. ›Ich verstehe nicht.‹ ›Früher hieß sie Horst und war Friseur‹«, erklärt die Buchhändlerin. Nach dem Besuch bei ihr sieht Hettche »an einem alten, schon lange nicht mehr geschnittenen Baum ein paar kleine, fahlgelbe Birnen«. Und schon erinnert er sich an seine Jugend. Im Herbst setzte er sich, »als die Birnen fahlgelb an den tropfnassen Zweigen hingen« gerne  »unter einen Baum und schrieb Gedichte oder riß Gedichte von George aus einem Reclamheft und streute sie in einen kleinen Bach.« Was immer das auch bedeuten soll.

Sigrid Lüdke-Haertel
Thomas Hettche: Totenberg.
Verlag Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2012,
215 S., 18,99 Euro

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