Der elfte Fall für Rizzoli & Isles

Haarsträubend

Kann man einer Katze je vertrauen? »Die Beziehung zwischen Katzen und Menschen ist nicht einfach eine zwischen Jäger und Beute, sie ist viel komplexer. Eine Hauskatze mochte auf deinem Schoß sitzen und dir aus der Hand fressen, aber sie hatte immer noch die Instinkte eines Jägers«, schreibt Tess Gerritsen im letzten Drittel von »Der Schneeleopard«. Kurz zuvor war zu lesen, wie die Menschen der afrikanischen Urzeit auch dadurch überlebten, dass sie wohl den Leoparden die auf Bäumen gelagerte Beute raubten. So mussten sie selbst keine schnellen Antilopen jagen und konnten sich an den Leoparden-Bäumen wie im Fast-Food-Restaurant bedienen.
Tess Gerritsen hat quer durch das ganze Buch einiges an solchen Informationen parat, das Fressen und Gefressen-Werden als die Wurzel unserer Existenz. Im Nachhinein wird dann auch klar, welch ein erzählerisch raffinierter Einstieg die Safari in Botswana war, wo schon gleich die Komfortzone mit einer aus dem Ruder laufenden Safari wie eine Zeltplane zerfetzt wird und die Wildnis Einzug hält. Nur scheinbar ist das amerikanische Boston dazu ein Gegensatz. Ein Tierpräparator und Großwildjäger wird dort übel zugerichtet aufgefunden, ausgeweidet und wie eine Jagdbeute aufgehängt. Die Polizistin Jane Rizzoli und die Gerichtsmedizinerin Maura Isles haben einen neuen Fall. Einen, bei dem selbst die abgebrühte Maura am Abend lieber nichts mit Fleisch isst.
Tess Gerritsen ist gelernte Ärztin, vor den Rizzoli & Isles-Romanen schrieb sie »medical Thriller«. Für die Erfordernisse einer sich (auch) an Pathologiebefunden ergötzenden Mainstream-Leserschaft ist sie also wirklich eine Fachfrau. Sie übertreibt es nicht, setzt ihre Schnitte und Schockeffekte sparsam. Stephen King nannte sie einmal »den besseren Michael Crichton«. 2001 erfand sie ihre Frauenfiguren Rizzoli und Isles, »Der Schneeleopard« ist deren elfter Fall. Als Fernsehserie läuft »Rizzoli & Isles« (auf Vox) bereits in der fünften Staffel. 74 Folgen sind es bisher insgesamt, ein Zeichen dafür, dass sich da eine Figurenkonstellation behauptet.
Die tritt im »Schneeleoparden« fast ein wenig zugunsten der Ich-Erzählerin Millie aus dem Busch zurück, einer interessant zähen Frauenfigur. Ereignisse der Vergangenheit, etwa wie Jane ihren Mann fand, den FBI-Agenten Gabriel Dean, werden nur kurz gestreift. »Eine Familie ohne Drama wäre nicht meine Familie«, sagt Jane Rizzoli einmal.
Bei Katzenliebhabern oder Vegetariern werden sich in diesem Buch an nicht wenigen Stellen die Haare sträuben, Fleischesser und Tierschützer werden vielleicht manchmal einen Buckel machen. Frau Doktor Gerritsen hat für sie alle kleine Pieksnadeln bereit. In einer Zeit, in der sich viele fragen, woher und wie das Essen auf den Tisch kommt, bietet »Der Schneeleopard« einen erfrischend unbefangenen Blick in atavistische Abgründe und auf heutige Selbstverständlichkeiten. Besonders gelungen sind die Safari-Kapitel, Spannungsliteratur im altmodisch guten Sinne. Das kann nur jemand schreiben mit dem richtigen Schuss von »Been there, done that«. Die Rizzoli & Isles-Serie ist noch nicht auserzählt. Jetzt, am 12. Juni 2015, ist Tess Gerritsen 62 geworden.

Alf Mayer
Tess Gerritsen: Der Schneeleopard
(Die Again) Deutsch von Andreas Jäger. München: Limes Verlag, 2015. 416 Seiten, 19,99 Euro.
www.tess-gerritsen.de

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