Dennis Lehanes Gangstersaga »In der Nacht«

Der Kriminalroman als Sozialgeschichte

Mit seinen Füßen in einem Zementblock, zwölf bewaffnete Kerle um ihn herum, auf die richtige Stelle wartend, um ihn über Bord zu werfen und im Golf von Mexiko versenken zu können, treffen wir Joe Coughlin, den Helden von Dennis Lehanes Roman »In der Nacht«, gleich im ersten Absatz an. Ein starkes Bild also, filmisch dazu – als Kinogänger wissen wir: Jetzt kommt eine Rückblende.

Einer Frau ist er begegnet, die ihn letztlich hierher brachte, auf dieses Boot, seine Füße in Zement gegossen. Sie hieß Emma Gould, er war mit ein paar Kumpels dabei, eine Spielhölle in South Boston auszurauben, als sie sich in die Augen schauten. Damals im Jahr 1926 war er ein Springinsfeld, ein Nichtsnutz, der jüngste Sohn eines Polizisten, und auf dem Weg, ein Verbrecher zu werden. Eine Affäre wurde daraus, allen Gefahren zum Trotz, denn die quecksilbrige Emma war mit einem gefährlichen Gangsterboss liiert. Joe wurde immer wagemutiger, bis der Vater ihn greifen und zusammenschlagen, mit einer vergleichsweise milden Strafe ins Gefängnis bringen ließ. Dort ging die Karriere erst richtig los, Joe fand seinen Mentor, und draußen vor dem Gefängnistor eine weite, wilde Welt.

Es ist die Zeit der amerikanischen Prohibition (1919 bis 1933), in die Dennis Lehane uns transportiert, in der Saubermänner und -frauen den Alkoholgenuss verboten und so erst recht dem Verbrechen und dem großen Geschäftemachen Auftrieb gaben. Da sind wir mitten drin, mitten in einer packend erzählten, großen Geschichte, in der im Namen des Geldes viel Blut vergossen und manch eine Träne geweint wird. Der Stoff, aus dem die Gangster-Sagas sind, die ja immer auch die Rückseite des Dollars, die dunkle Seiten unserer Wirtschaft abbilden. Lehane führt uns von Boston nach Florida, in die kubanisch-spanisch-italienische Stadt Ybor nahe Tampa und nach Kuba selbst, sein Joe Coughlin vergleicht gegen Ende des Romans sein Streben mit dem der USA, eben beständig den eigenen Einflussbereich zu erweitern. Joe ist, sagt ihm sein Mentor, kein Gangster. »Du bist ein Gesetzloser, ein Bandit im schicken Anzug.«

Das Sympathische an Joe sind seine Skrupel, ist seine Fähigkeit zur Liebe. Aber »In der Nacht« (Originaltitel: Live by Night) ist klar die dunklere Geschichte als »Im Aufruhr jener Tage« (The Given Day) von 2008, der erste der auf drei Bände angelegten Boston-Trilogie von Dennis Lehane, in dem Joes älterer Bruder Danny, ein idealistischer Polizist im Mittelpunkt stand. »World Gone By« wird im August 2014 erscheinen.

Der 1966 in Dorchester, Massachusetts, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Lehane ist einer der besten 40 Krimiautoren der Welt, und er ist einer der heißesten Autoren in Hollywood. Drei seiner Romane kamen bisher auf die Leinwand. Clint Eastwoods Verfilmung von »Mystic River« erhielt mehrere Oscars, Martin Scorsese führte Regie bei »Shutter Island« und Ben Afflecks »Gone Baby Gone« war eine auf den i-Punkt genaue Verfilmung des gleichnamigen Romans. Affleck wird auch bei »In der Nacht« Regie führen, Leonardo di Caprio will Joe sein Gesicht geben. Demnächst kommt »Animal Rescue« in die Kinos, Lehanes eigene Adaption seiner Kurzgeschichte »Running Out of Dog« (enthalten in dem Story-Band »Coronado«): »A crime-drama centered around a lost pit bull, a wannabe scam artist, and a killing.« Tom Hardy und Noomi Rapace standen vor der Kamera, Regie führte der Belgier Michaël R. Roskam, der 2011 mit »Bullhead« auffiel und für den Auslands-Oscar nominiert war. Ebenfalls für DiCaprio kinoreif machte Lehane »The Deep Blue Good-by« (dt. als: Tausend blaue Tränen / Abschied in Dunkelblau) von John D. MacDonald aus dem Jahr 1964, der Film um eine sehr beliebte Krimiserienfigur soll ganz simpel »Travis McGee« heißen. Lehanes Feder anvertraut wurde auch Sonys englischsprachiges Remake von Jacques Audiards Gefängnisthriller »Un prophète«.

Doch zurück zum aktuellen Lehane: »In der Nacht« gewann den »Florida Book Award«, so sehr überzeugte sein Porträt der Stadt Ybor, und den »Edgar« als bester Kriminalroman des Jahres. Für seine deutschen Leser gibt es eine extra gute Nachricht. Nach einigen Wanderungen ist Lehane nun – endlich, muss ich sagen – beim Diogenes Verlag angekommen, also im Verlag von Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Ross Macdonald, und erscheint als Hardcover. Im Frühjahr kommt Lehane auf Lesereise nach Deutschland – auch dies ein Anlass, wieder mehr von ihm zu lesen, darunter unbedingt alle sechs Abenteuer von Patrick Kenzie und Angela Gennaro.

Und dann ist da noch Martin Cruz Smith. Gleich im Doppelpack. Anlässlich seines achten Arkadi-Renko-Romans »Tatjana« hat der Verlag C. Bertelsmann jetzt auch den Klassiker »Gorki Park« wieder aufgelegt. Wer wissen will, wie es sich im modernen Russland lebt und überlebt, findet in diesen ungeschminkt harten Thrillern eine typisch russische Mischung aus Frustrationen und Absurditäten des Lebens in diesem Land.

 

Die Bücher von Dennis Lehane
Die Patrick Kenzie und
Angela Gennaro Serie:
Streng vertraulich (1994, A Drink Before the War)
Absender unbekannt (1996, Darkness, Take My Hand)
In tiefer Trauer (1997, Sacred)
Kein Kinderspiel (1998, Gone, Baby, Gone) (Deutscher Krimi-Preis)
Regenzauber (1999, Praying for Rain) (Deutscher Krimi-Preis)
Moonlight Mile (2010, dtsch. 2011)
Spur der Wölfe (2001, Mystic River) (Deutscher Krimi-Preis)
Shutter Island (2003)
Coronado (2006)
Im Aufruhr jener Tage (2008, The Given Day)
In der Nacht (2012, Live By Night)
Dennis Lehane: In der Nacht
(Live By Night),Zürich: Diogenes Verlag, 2013. 586 Seiten, 22,90 Euro
Martin Cruz-Smith: Tatjana. München: C. Bertelsmann Verlag, 2013. 320 Seiten, 14.99 Euro.
Martin Cruz-Smith: Gorki Park. München: C. Bertelsmann Verlag, 2013 416 Seiten, 14.99 Euro

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