»Das unbekannte Mädchen« von Jean-Pierre & Luc Dardenne

Ganz nah dran

Was einen in einem Film der belgischen Brüder Dardenne erwartet: Triste Post-Industrie-Landschaften, Autofahrten, enge und wenig traute Heime, Menschen, die sich mit dem Sprechen schwertun und zu dummer Gewalt neigen, verzweifelte Versuche, in der unbarmherzigen Welt des Neoliberalismus und der Krisen am Leben zu bleiben, Blicke aus Fenstern auf noch mehr Autos, Augenblicke der Erstarrung, Depression und Selbstmordgefahr, und in alledem eine Geschichte um Schuld und ihre Erkenntnisse. Klingt nicht nach unbeschwerter Unterhaltung und ist es auch nicht. Trotzdem machen Dardenne-Filme auf eine seltsame Weise glücklich, denn sie sind ganz nahe an den Menschen dran, sie liefern selbst das, was die Welt ihren Protagonisten verweigert: Solidarität, Verständnis, Zärtlichkeit. Und sie haben, bei allem Unglück, das sie schildern, insofern ein Happy End, als sie ihre Hauptfiguren moralisch stärker machen.

Und dies ist diesmal die Geschichte: Eine junge Vertretungs-Ärztin in einer ziemlich schäbigen Gegend der Stadt, die sich gegenüber einem noch jüngeren Praktikanten beweisen zu müssen meint, öffnet einer späten Patientin nicht mehr die Praxistür. Am nächsten Tag wird dieses unbekannte Mädchen tot aufgefunden. Jenny fühlt sich schuldig und macht sich auf die Suche nach der Identität der Toten, von der ihr nicht einmal der Name bekannt ist. Sie trifft dabei auf menschliches und soziales Elend, auf Gewalt, Lüge und Ausbeutung. Ihre Suche nach der Identität der Toten, der Jenny wenigstens mit einem Namen auf dem Grab zur Menschenwürde verhelfen will, bringt sie auch selber immer wieder in Gefahr. Verbündete sind kaum zu finden, nicht einmal Menschen, die die Wahrheit sagen. Diese Suche wird, ganz nach Dardenne-Art, zugleich zur Suche nach der eigenen Position. Am Ende, so viel darf verraten werden, sind wohl zwei Ärzte entstanden, die sich über Karrierekorruption und Verhärtung in ihrem Beruf hinwegsetzen. »Armenärzte« hätte man früher wohl gesagt. Und vielleicht gibt es auch eine Bewegung in der Szene, aus der das unbekannte Mädchen stammte, die kriminellen Erpressungen und Erpressungen zur Kriminalität unter den »illegalen« Einwanderern.
Der Stil der Dardennes, die die Kamera so nahe an die Protagonisten führen, dass nie etwas anderes zu sehen ist als das, was sie gerade sehen, diese Form der sozialen Klaustrophobie, in der für Zufälle und Mehrdeutigkeiten kein Platz ist, hat auch hier etwas durchaus Beklemmendes. Er überträgt die ganze Last, aus dem abstrakten Moralstück und der soziologischen Studie ein wirkliches cineastisches Leben zu gewinnen, auf die Schauspieler. Adele Haenel und die anderen lösen diese Aufgabe allerdings mit Bravour. Man meint jeden Zweifel, jede Hoffnung, jede Angst, jeden Zorn mit dieser jungen Ärztin zu teilen, der es immer ein Leichtes wäre, die Verantwortung abzuschütteln und sich auf eine aussichtsreiche Karriere zu konzentrieren.
Wie Ken Loach drüben auf der Insel, so schauen die Dardennes in ihren Filmen dorthin, wo das Kino sonst kaum blickt, wenn es sich nicht gerade in Gewaltphantasien verliert, in die Welt der Verlierer, der Prekären, der Abhängigen. Aber bei den Dardennes geht es weniger darum, so etwas wie ein verschüttetes Klassenbewusstsein zu entdecken, die kleinen Formen der Solidarität zu feiern oder Mini-Utopien in den tristen Alltag zu bringen, sondern darum, die Geste des persönlichen Stolzes, der Verantwortung und der Freiheit zu finden. Wie leben, richtig leben in einer Welt, die von Gott, vom Staat, von der Gesellschaft, von den Werten verlassen ist?
In den Filmen von Jean-Pierre und Luc Dardenne kann man Menschen, Frauen vor allem, dabei zusehen, bei der Beantwortung dieser Frage unerwartete Stärke zu gewinnen. Auf ihre sehr eigene Art, wie gesagt, können Dardenne-Filme auch glücklich machen.

Georg Seeßlen (Foto: © temperclayfilm)

DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN
(La fille inconnue)
von Jean-Pierre & Luc Dardenne, B/F 2016, 106 Min.
mit Adèle Haenel, Olivier Gourmet, Christelle Cornil, Jéréme Renier, Fabrizio Rongione, Thomas Doret
Drama
Start: 15.12.2016

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