Das Haus auf Korsika (Start: 12.07.2012)

fr_das_haus_auf_korsika3neuFlucht nach Korsika

»Das Haus auf Korsika« von Pierre Duculot

Eine Erbschaft kann das Leben verändern. Ein ordentlicher Batzen Geld zum Beispiel. Bei der kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag stehenden Belgierin Christina (Christelle Cornil) ist es ein Haus im Süden, auf Korsika. Das hat ihr die Großmutter vererbt, und das möchte sie sich erst einmal ansehen, bevor sie es – auf dringendes Anraten ihres Vaters – verkaufen wird. Alles andere wäre für sie so etwas wie ein Verrat an der alten Dame.

Aber allein schon der Wunsch, nach Korsika zu fahren und das Haus zu besichtigen, stößt auf Widerstand bei ihrer Familie und ihrem Freund Marco (Jean-Jacques Rosin), der nicht mitfahren will. Einen eigenen Kopf in wichtigen Fragen ist man bei der gutmütigen Christina nicht gewohnt. Aus Mangel an Stellenangeboten in der belgischen Bergarbeiterstadt Charleroi jobbt sie als Kellnerin im Lokal ihres künftigen Schwiegervaters, zusammen mit Marco, dem Juniorchef, der irgendwann den Familienbetrieb übernehmen wird. Warum sie noch nicht mit Marco verheiratet ist, ist unklar.  Die beiden Familien sind intakt, man versteht sich, der Gründung einer neuen Familie steht nichts im Wege. So scheint es jedenfalls.

Doch mit der Erbschaft bietet sich Christina eine Möglichkeit, der Alltagsroutine zu entkommen. Vermutlich ist ihr das zunächst gar nicht bewußt. Erst als sie mit dem Schiff auf Korsika ankommt, dämmert ihr das allmählich. Es beginnt jedoch nicht gerade vielversprechend. Der Ort in den Bergen, wo das geerbte Haus steht, scheint in dem Hafenstädtchen unbekannt zu sein. Der Weg dorthin wird zu einer Herausforderung, das Haus selbst ist total verwahrlost, als Wohnung kaum zu gebrauchen. Auch wenn die Nachbarsfamilie ihr Unterkunft gewährt und Hilfestellung leistet, das Haus instand zu setzen ist ein Mammutprojekt und erfordert Christinas Anwesenheit. Aber es ist ein Neuanfang, der Initiative und Kraft verlangt. Dies und der attraktive Ziegenhirt Pascal (François Vincentelli), die wild-romantische Gegenfigur zum Freund daheim, geben schließlich den Ausschlag. Noch einmal kehrt sie nach Charleroi zurück. Doch als ihr zum Geburtstag das neue Haus präsentiert wird, das sie zusammen mit Marco beziehen soll, ergreift sie die endgültige Flucht nach Korsika.

Der Gegensatz von der grauen Industrieregion in Belgien zu der Naturkulisse von Korsika ist gewissermaßen die äußere Hülle des Films »Das Haus auf Korsika«. Denn dem belgischen Regisseur Perre Duculot kommt es in seinem Spielfilmerstling vor allem darauf an, die innere Entwicklung von Christina darzustellen. So verharrt der Film zumeist bei ihr und den Personen, denen sie begegnet. Duculot verkneift sich demnach auch Postkartenaufnahmen von Sonnenstrand und malerischen Bergen. Seine wenigen korsischen Panoramen zeigen eine widerborstige Natur. In den durchweg dunklen Bildern sehen sich Belgien und Korsika manchmal ziemlich ähnlich. Das ist der Preis, den Duculot für den Verzicht auf eine plakative Bildsprache zahlt. Auch Christelle Cornil, die eine etwas verhuschte Christina hervorragend darstellt, und François Vincentelli, der den eigenbrötlerischen, aber verständnisvollen Ziegenhirt spielt, haben nicht gerade Starpotential. Doch sie passen genau in Duculots Konzept. Er respektiert seine Figuren. Seine tiefe Sympathie für sie zeichnet »Das Haus auf Korsika« aus.

Claus Wecker
DAS HAUS AUF KORSIKA (Au cul du loup)
von Pierre Duculot, F/B 2011, 82 Min.
mit Christelle Cornil, François Vincentelli, Jean-Jacques Rausin, Pierre Nisse, Roberto D’Orazio, Marijke Pinoy
Drama / Start: 12.07.2012

 

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