Das geht ja gar nicht (71)

Da war es wieder so weit: Das Thermometer schießt in die Höhe, die Menschen werfen ihre althergebrachte Alltagskleidung ab und wechseln zu locker luftigem Dressing (oder sagt man das nur bei Salat?). Und damit tauchen dann auch sie wieder auf, die Schrecken jeder aufrechten, modebewussten und stilfesten Frau: die weißen, manchmal auch andersfarbigen Socken an haarigen Männerbeinen in luftigen Sandalen. Ein lautes durchdringendes »Das geht ja gaaar nicht« schallt förmlich aus unzähligen Frauenmündern durch die Republik – einschließlich natürlich der Strände von Mallorca. A propos Mallorca: wer meint, die Socke in der Sandale sei ein deutsches Phänomen, der bzw. die irrt. Die Engländer, die im nordöstlichen Port de Pollensa die Mehrheit stellen, zeigen, dass die Socke ein internationales Phänomen ist. Das zeigt auch ein Besuch auf der anderen Seite des Atlantiks, wo der amerikanische Mann seine Liebe zur Socke im offenen Schuh ebenso offen zur Schau stellt.
Was nun ist es eigentlich, das die Frauenwelt nahezu unisono zu Gegnern einer von Männern anscheinend äußerst beliebten Bekleidungsart werden lässt? Auf der Rangskala der unmöglichsten Kleidungsvarianten von Männern steht die Sandalensocke ganz, ganz oben. Noch vor der Krawatte mit dem Suppenfleck. Getoppt eigentlich nur von der Kombination Socke, Sandale, Shorts. Letztere vornehmlich beige. Zugegeben, der ästhetische Genuss beim Betrachten von haarigen Männerbeinen, die aus den knielangen Shorts herausragen, um dann in der Sandalensocke zu enden, ist doch sehr begrenzt. Dennoch frage ich mich, warum diese geschlechtsspezifische modische Entgleisung für so viele Frauen das ›no go‹ per se ist. Frauen, die zu kurz geratene Hosen an sich selber zur Mode erklären. Ebenso wie knallenge Stretchjeans, die an den gertenschlanken Modellfiguren ja möglicherweise schnieke aussehen, im normalen Alltagslook aber manches Mal schon den Hauch von Peinlichkeit haben. Oder die knallig blondierten Haare, zu denen dann auch immer gerne modisch zerrissene Jeans getragen werden. Oder – und dies schlägt dann ja alles – die neuesten Modegirls in New York, die, ja wirklich, ich hab’s im Fernsehen gesehen, mit halblangen Hosen in Sandalensocken rumlaufen und dies dann als Trend ausgeben. Zugegeben, die Beine, die da in den Socken mündeten, waren deutlich attraktiver als die haarigen männlichen Gegenstücke. Aber über den athletischen braungebrannten Tennislehrer in kurzen Shorts über knackigem Hintern, der seine Modellbeine in der Socke enden lässt, regen sich die Frauen ja auch nicht auf.
Nein, es sind ihre eigenen Männer, die die sommerliche Todsünde begehen. Ihre Männer, denen sie über die langen Jahre gemeinsamen Weges immer wieder die richtigen Kleidungsstücke nicht nur zurecht gelegt, sondern häufig auch erst einmal gekauft haben. Kann man ja in jedem Kaufhaus erleben: in der Damenabteilung stehen, wenn überhaupt, die Männer irgendwo hinter ihren an den Kleiderständern stöbernden Frauen, um in unregelmäßigen Abständen auf die rhetorischen Frage »Und was hältst du von dem?« das obligatorische »Ja, ist schon okay« murmeln, ganz laut aber sagen, »sieht toll aus«. Anders in der Männerabteilung: zwar sind es auch dort die Frauen, die an den Kleidungstischen kramen. Aber hier wird nicht rhetorisch gefragt, sondern bestimmt erklärt »Das steht dir gut«. Die männliche Antwort allerdings ist die gleiche: »ja, ist schon okay«. Und so erscheint dann die Sandalensocke als der hilflose Aufschrei der Männerwelt nach modischer Autonomie: Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall.
Das geht ja gar nicht.

Jochen Vielhauer

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