Das Barock-am-Main-Festival findet erstmals in der Höchster Porzellan-Manufaktur statt

Der Alchemist im Porzellan-Laden

Frankfurt liegt zwar nicht am Klondike, aber die Aussicht auf Gold macht von jeher auch am Main die Leute kirre, selbst wenn es nur das sogenannte Weiße Gold ist. Die geheimnisvolle, aus blubbernden Reagenzgläsern gewonnene Substanz, beglücke in allen Belangen, versprechen deren angeblichen Produzenten den Kunden des neuen Höchster Alchemisten-Lädchens allen, die es hören wollen, Reichtum, Macht, Lebens- und Lendenglück im Übermaß. Die Nachfrage ist gigantisch – wie auch die Blase, die sie erzeugt. Nur wann sie platzt, bleibt erstmal offen.
Dass die Gier auch dem gemeinen Frankfurter jede Vernunft auszutreiben vermag, zeigt sich schon darin, wie leicht sich die aus Old England übernommene Geschichte Ben Jonsons (1572-1639) in heimischen Landen vorstellen lässt. »Der Alchemist« handelt davon, dass der Verwalter im verlassenen Haus seines Herrn ein durchtriebenes Gaunerpärchen walten lässt, das den Frankfurtern mit den angeblichen Wunderkräften der Alchemie das Blaue vom esoterischen Himmel verspricht.
Es sind die Aufsteiger, Streber und Möchtegerne der Gesellschaft, die ihnen alles abnehmen – und dann alles abgenommen bekommen. Nur einer, Herr Knodder, traut dem Braten nicht und entwickelt Gegenstrategien. Dass Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist, findet selbst auf der vom Bolongaro-Garten in den Hof der historischen Höchster Porzellan-Manufaktur verlagerten Bühne von Barock am Main (Strandgut 6/2017) kaum Gehör.
Der Frankfurter Autor Rainer Dachselt hat die 1610 in Oxford uraufgeführte Komödie des Shakespeare-Rivalen ins Hessische übersetzt und deren schräge Charaktere den Mitgliedern der Fliegenden Volksbühne für Barock am Main auf die Leiber geschrieben. Unter der Regie von Sarah Groß und mit seinem Prinzipal Michael Quast in der Rolle des Magister Magnus schickt sich das achtköpfige Ensemble an, den Frankfurtern einen Zerrspiegel vorzuhalten, in dem sich jeder nach Lust und Laune selbst erkennen kann oder vielleicht auch lieber nicht. Katerin Zermenkova gibt die Gaunergattin Lenchen Allerwelt und Matthias Scheuring den Hauptmann Kimmel .  Philipp Hunscha gehört als Lukull von Mammolshain zu den bereitwilligen Opfern der Betrüger.  
Ulrike Kirnbach und erstmals Lil von Essen übernehmen die anderen weiblichen Parts. Weiter dabei: Alexander Beck und Dominik Betz in diversen Rollen. Spannend wird es sein, ob und wie sich das auf Molière geeichte Barock-am-Main-Publikum mit dem britischen Humor anfreunden wird. Im Juli wird »die Komödie der leeren Versprechungen«, so die Veranstalter, insgesamt fünf Mal zu sehen sein. 

gt (Foto: Maik Reuss)
Vom 26., 27., 28., 29. Juli, 20 Uhr;
30. Juli, 17 + 20 Uhr und weitere  Vorstellungen bis 20. August
www.barock-am-main.com

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