Dagmar Leupolds »Die Witwen. Ein Abenteuerroman«

Lustige Witwen auf Reisen

In Niederlahnstein geboren, aber in Oberlahnstein aufgewachsen – und in Mainz. In New York wurde sie promoviert.  Sie hat auch in Florenz gearbeitet. Das heißt: sie ist in der Welt herumgekommen. Sie lebt bei München und arbeitet in Tübingen, leitet dort an der Universität das Studio für Literatur und Theater. Bereits mit ihrem ersten Roman »Edmond«, 1992, machte sie auf sich aufmerksam. In kurzen Abständen folgte dann ein Buch nach dem anderen. Ihre neuen »Witwen«, das lässt sich voraussagen, werden vor allem bei Frauen gut ankommen.
In Steinbronn, einem kleinen idyllischen Ort an der Mosel, leben »vier Frauen, nicht mehr jung, aber längst nicht alt. Nur ratlos. Und irgendwie übrig.« Sie sind, seit ihrer Einschulung in Berlin vor mehr als 40 Jahren, miteinander befreundet. Als Penny, mit Mitte zwanzig,  Otto, einen Winzer, kennenlernt, zieht sie mit ihm auf sein Weingut in Steinbronn. Dodo, eine der Freundinnen, zieht bald hinterher und übernimmt eine Gärtnerei. Auch Beatrice, Yogalehrerin und Laura, Logopädin, hält bald nichts mehr in Berlin. Sie folgen dem Sog der Provinz. Der kleine Ort an der Mosel scheint das Richtige für sie zu sein.
Aber auch das Landleben schützt nicht vor grauen Haaren.  Penny, die einzige mit Ehemann und Kind, trifft es dabei besonders hart. Ihr Mann kommt von einer Dienstreise vor acht Jahren nach Fernost nicht mehr zurück. Verschollen. Nun sind die Freundinnen, jede auf ihre Art, »Witwen«. Das lässt sich nicht schönfärben: »Abwesenheit von Zukunft«. Es ist Laura, die deshalb eines Tages ihre Freundinnen ermuntert: »Das halbe Leben haben wir nun schon an diesem Ort der schönen Verheißungen verbracht, aber wir haben kaum etwas erlebt, einfach immer nur gelebt. Lasst uns etwas erleben!«
Irgendwie, wenn auch nur vorübergehend mal auszusteigen, das finden alle gut. Sie leihen sich für vier Wochen ein Auto und suchen per Annonce einen Chauffeur. Unter etlichen Bewerbern ist auch Bendix. Der schrullige Typ lag schon mal, wie sich herausstellt, bei Beatrice auf der Yogamatte, um, nach einem schweren Unfall, seitdem hinkt er, »seine Mitte wieder zu finden«.  Scham war und ist »die zuverlässigste Konstante in seinem Leben«. Für ihn spricht »der Eigensinn, mit dem er die Haare lang trug und inmitten einer geheiligten Weingegend Bier trinkt«. Beatrice findet für ihre geplante Unternehmung die treffende Formulierung: Wir sind »vier alte Schachteln mit Idiot am Steuer«. In seinem Tagebuch, das Bendix, auch während ihrer Reise gelegentlich führt, wundert er sich über seine Entscheidung: »Ich muss jeck sein, wenn ich das mache: Chauffeur von vier Frauen, die auf der Suche sind.«
Die Reise, entlang der Mosel zu den Vogesen, endet, kaum begonnen, erst mal mit einer Panne. Während sie im Auto auf Hilfe warten, sagt Beatrice: »ganz ohne Vorrede und Begründung, ich erzähle euch etwas.« So beginnt zwar kein Dekameron, aber doch immerhin ein dramatisches Quartett.
Über zehn Jahre war Beatrice die Geliebte eines Mannes, während dessen Ehefrau drei Kinder von  ihm bekommt. An dem Morgen, an dem sie selbst eine Abtreibung hat, bemerkt sie eine weiße Strähne in ihrem Haar und verlässt bald Berlin Richtung Steinbronn.
Dodo beginnt ihre Geschichte mit dem Tod des Vaters. Sie war damals sechs und seitdem hatte ihre Mutter »an der Nasenwurzel eine Kerbe vom Schicksalsschlag«.  Sie wurde in der Folge »tyrannisch, blutsaugerisch, kleinlich und freudlos«. Der Tochter erscheint das als »eine beschissene Art zu trauern«. In der Pubertät wird Dodo dick und stramm.
Laura behauptet in ihrer Geschichte, ihre Kindheit sei »die normalste Kindheit der Welt gewesen«.  Doch sie entpuppt sich sehr schnell als ein einziges Trauma. Sie hatte eine Phobie  vor »schmutzigen Händen, feuchten Mundwinkeln, Maden in Kirschen«. Nach ihrer Entjungferung durch den Fahrlehrer ekelt sie sich vor dem »pappigen Geschäft« und seitdem vor den Männern überhaupt. »Ihr und auch du, Bendix, ihr seid mein Schatz, sonst nichts.«
Frauenschicksale von dieser Art gibt es sicher Millionen. Viele von ihnen haben es geschafft, obwohl sie ihre Zukunft hinter sich wissen, nicht zu verzweifeln, sondern neue, andere Abenteuer zu suchen. Von solchen Frauen, die sich ihren Humor bewahrt haben, über einige Ironie und eine erstaunliche Selbstsicherheit verfügen, erzählt Dagmar Leupold. Sie weiß: »wäre man nicht ratlos, müsste man nicht pilgern.«

Sigrid Lüdke-Haertel
Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteuerroman.
Verlag Jung und  Jung, Salzburg 2016. 233 S., 22 Euro

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