Daedalus Company spielt im Gallus-Theater Vaclav Havel

Daedalus Company spielt im Gallus-Theater Vaclav HavelPolitischer Lackmustest

Wenn Ferdinand Vanek seine Mitmenschen trifft, geht es ihm wie Dostojewskis Idioten. So wie Fürst Myschkin mit seiner unwiderstehlichen Gutherzigkeit die Aggressionen auf sich zieht, so stürzt der schlichte und wortkarge Auftritt des oppositionellen Außenseiters, ohne dass er dies bezweckte, seine Gegenüber regelmäßig in peinliche Nöte und entblößt sie beschämend. Wie ein Lackmustest der moralischen Integrität wirkt die Figur des Literaten, ein Alter Ego ihres Schöpfers Vaclav Havel

Der tschechische Autor und spätere Staatspräsident, der viele Jahre aus politischen Gründen in der alten CSSR inhaftiert und mit Publikationsverbot belegt war, hat drei solcher Vanek-Begegnungen mit schweijkschem Witz in Einakter gefasst. Sie sind so wenig spektakulär und so realistisch, dass man vermuten darf, dass sie Havel exakt so widerfahren sind. In »Protest« weigert sich ein längst etablierter Ex-Genosse, eine Petition zu unterstützen, in »Vernissage« rät ein Paar dem lieben Freund mit lockenden Argumenten des Konsums und Sex von seiner (politisch) schädlichen Beziehung ab, und in »Audienz« hängt die Zukunft seines Arbeits-chefs, des Braumeisters, davon ab, ob er Vanek für Spitzeldienste gewinnen kann.

Regina Busch hat mit ihrer Daedalus Company nach »Protest« (SG 11/2012) nun die zwei anderen Teile der Vanek-Trilogie inszeniert. Dieses Mal gibt Pedro Stirner den so grauen unscheinbaren Antihelden, der die Katastrophen, die er unwillentlich auslöst, kommen sieht und gerne vermeiden würde. Sein gedrosseltes Spiel mit Fluchtaugen-Blick überlässt seinen Partnern bereitwillig die Bühne – zur Blamage. Mario Krichbaum gelingt das als Braumeister besonders gut: Laut und leicht vulgär entpuppt sich sein Protz im knallgelben Aufschneider als kläglicher Hanswurst, während die tatsächlich verheirateten Lockrufer Julia und Björn Breckheimer als Eva und Michael wie konditionierte Kunstfiguren aus einem Future-Film am Rande des Slapsticks agieren.

Buschs Versuch, die Vanek-Trilogie zu aktualisieren und enttschechoslowakisieren, gelingt vor allem dort, wo es um Korrumpierbarkeit und Opportunismus geht. Die Gefährlichkeit des Künstlers für den Staat und die daraus folgenden Repressionen, denen er qua Berufsverbot und Freiheitsstrafe ausgesetzt ist, lassen sich in einer Gesellschaft, die alles absorbiert, indem sie es zulässt, wesentlich schwieriger vermitteln. Oder nicht?

Winnie Geipert
Termin: 20. Juni, 20 Uhr

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