Choral des Todes (Started nur auf DVD)

Choral des TodesKinder, Kirchen, Choräle

»Choral des Todes« von Sylvain White

Wer die Krimis von Jean-Christophe Grangé kennt, weiß, dass der Journalist ein Meister origineller Todesfälle und wild wuchernder Verschwörungsszenarien mit massenhaft faschistoiden Schurken ist. Grangés literarische Hysterie sollte man also stets im Hinterkopf behalten, bevor man sich die Verfilmungen seiner Romane ansieht.

Mit Gérard Depardieu als Zugpferd startet nun nach »Die purpurnen Flüsse 1 + 2« (auf DVD gibt‘s außerdem »Das Imperium der Wölfe« und »Vidocq«) der dritte Grangé-Thriller im deutschen Kino. Gérard »wo-ist-die-nächste-Kamera« Depardieu spielt den pensionierten Kommissar Lionel Kasdan, in dessen Kirchengemeinde der Chorleiter ermordet wird. Kasdan, ein Freund des Pfarrers, schnüffelt ein bisschen herum und befragt auch die engelhaften Chorknaben. Denn am Tatort wurde eine blutige Turnschuhspur Größe 36 gefunden. Damit kommt der gewiefte Ex-Polizist nicht nur den offiziellen Ermittlern ins Gehege, die er nach dem »Hase und Igel«-Schema nonchalant austrickst. Auch Interpol-Agent Frank Salek, der seit langem einem Menschenhändlerring auf der Spur ist, interessiert sich für den merkwürdigen Fall. Denn Goetz‘ Leiche weist geplatzte Trommelfelle auf – und auch Saleks Ohren werden bald zum Bluten gebracht.

In dem Krimiplot werden auf nicht ungeschickte Weise Kinder, Kirche und alte und neue Nazis verrührt. Darf‘s noch ein bisschen mehr sein? Nebenbei geht‘s auch um Pädophilie, doch dieses Thema wird bald auf Kindesmissbrauch in einem weiteren, musikalischen Sinne ausgeweitet. Wie gehabt knüpft Grangé aus realen Begebenheiten, hier inspiriert von den Vorgängen in der »Colonia Dignidad« in Chile zur Zeit der Pinochet-Diktatur und von der »Blackwater«-Söldnerfirma, eine paranoide Intrige, bei deren Aufklärung die Ermittler gegen alle Regeln verstoßen dürfen.

Das Drehbuch, das Regisseur Sylvain White selbst schrieb, weist zwar deutliche Schwächen auf, doch der Franko-Amerikaner hat Sinn für starke Szenen. Realistische Momente alltäglicher Tristesse wechseln mit rasanter Action à l‘américaine, und durch diese abrupten Tempowechsel bekommt der Thriller das typisch manische Grangé-Flair. Das auch von den Hauptdarstellern getragen wird: Gérard Depardieu und Joey Starr als Duo, das sich zusammenraufen muss, harmonieren erstaunlich gut. Depardieu, inzwischen fast so breit wie hoch, besitzt als trauernder Witwer Kasdan ohnehin raumfüllendes Charisma; Joey Starr spielt wieder mal einen »Psycho«, stets kurz vorm Ausrasten, was mit einem arg konstruierten Kindheitstrauma begründet wird. Mit Mathieu Carrière als gutem und Rüdiger Vogler als bösem Deutschen sowie dem Schweizer Altstar Marthe Keller, leider nur noch selten auf der Leinwand vertreten, gibt es noch mehr Hingucker. Und zumindest bis zum dem Punkt, an dem es auf der Zielgeraden zum letzten Schrei unfreiwillig komisch wird, kommt auch in dieser Grangé-Verfilmung keine Langeweile auf.

Birgit Roschy
CHORAL DES TODES (La marque des anges – Miserere)
von Sylvain White, F/B/D 2013, 106 Min.
mit Gérard Depardieu, JoeyStarr, Marthe Keller, Rüdiger Vogler, Héléna Noguerra, Mathieu Carrière
Thriller
Start: 12.09.2013

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