Chloe Hoopers »Der große Mann«

Reise ins finstere Herz eines Landes

Eine junge Schriftstellerin, die länger im Ausland gelebt hat, kehrt in ihr Land zurück. Um es näher kennenzulernen, reist sie in dessen schwarzes Herz, begleitet sie einen Straf- und Ermittlungsprozess, wie es in Australien noch keinen gegeben hat – den ersten Prozess, bei dem ein weißer Polizist wegen des Todes eines Ureinwohners in Polizeigewahrsam vor Gericht gestellt wird. Am Ende dieses Verfahrens, so schreibt sie, hat sie weit mehr über ihr Land erfahren, als ihr lieb gewesen wäre.
Hoopers große literarische Expedition von 2008 gilt in Australien bereits heute als Klassiker. In Deutschland, so finde ich, könnte diese kühle und zugleich poetische, skrupulöse Studie des alltäglichen Rassismus zu keinem geeigneteren Zeitpunkt erscheinen als in diesen Wochen. Es ist ein Ausnahmebuch, politisch klug und schön dazu. Kein Wunder, dass ein Schriftsteller, nämlich Michael Kleeberg, die Übersetzung besorgt hat.
Eher müßig scheint es mir, über die Klassifizierung als »Tatsachenroman« zu diskutieren. Upton Sinclair hat sich so der Wirklichkeit angenähert, Norman Mailer oder Truman Capote. Hier schreibt jemand auf dem Niveau von Francisco Goldmans »Die Kunst des politischen Mordes« (Rowohlt, 2011) oder Peter Matthiessens »In the Spirit of Crazy Horse« über den Fall Leonard Peltier (1983). Chloe Hooper spürt in »Der große Mann« tatsächlichen Ereignissen nach und hat einen realen Fall zur Grundlage.
Der Hintergrund: Am 19. November 2004 war auf Palm Island der 34 Jahre alte Aborigine Cameron Doomadgee festgenommen worden, weil er angeblich einen Polizisten beleidigt hatte. Vierzig Minuten später lag er tot in seiner Zelle, mit Verletzungen wie jemand, der in einen Autounfall oder einen Flugzeugabsturz verwickelt war. Laut Polizeiangaben war er auf einer Stufe ausgeglitten, der amtliche Pathologe konnte kein Zeichen von Gewalteinwirkung feststellen. Doch Camerons Leichnam wies schwere innere und äußere Verletzungen auf, einen Leberriss, vier gebrochene Rippen, ein angeknackstes Rückgrat, Kopfverletzungen. Hauptverdächtiger: der charismatische Polizeibeamte Christopher Hurley, vor Kraft nur so strotzend, groß gewachsen, so groß, dass man zu ihm aufschauen muss wie zu jemand, der auf einem Pferderücken sitzt. Seine ganze Karriere über arbeitet er schon mit Aborigines, nun scheint ihm eine Sicherung durchgebrannt zu sein. Wie ist es, mit der dünnen Schale der Zivilisation?
Eine Royal Commission hatte 1991 neunundneunzig Todesfälle untersucht und festgestellt: »Wenn Weiße in Polizeigewahrsam im selben Verhältnis gestorben wären … hätten wir es mit fast 9.000 Toten zu tun.« Aborigines stellen 2,4% der Bevölkerung, aber 22% der Gefängnisinsassen.
Chloe Hooper sieht sich das Verfahren gegen Hurley an, offen für Ambivalenzen und Grautöne. Sie ist vor Ort. Beim Prozess. Bei der Wiederaufnahme. Beim Freispruch. Bei der Demonstration mit 2.000 Polizisten. Sie unternimmt Reisen in die Grenzorte des australischen Nordostens, reist an den Golf von Carpentaria, in die Aborigines-Slums. Wohnt bei den Familien. Sie begibt sich in eine Welt, die viele weiße Australier nachhaltig ausgeblendet haben. Die allermeisten Touristen erst Recht. »Findest du Australien farbig?«, fragt sie mich, als wir uns in Melbourne treffen. Als ich etwas von den vielen Asiaten sage, lächelt sie. Das meine sie nicht. »Wie viele Aborigines siehst du? Und wenn, in welchen Zusammenhängen? Dieses Land ist gesäubert. Da ist etwas weithin ausgelöscht.«
Sie sagt: »Als ich in den Achtzigerjahren zur Schule gegangen bin, lernten wir nichts über die Geschichte der Aborigines. Und man wurde wirklich darin unterstützt, keine Schuld zu empfinden. All die Gewaltzusammenhänge der Besiedlung Australiens durch die Weißen waren niemals Thema.« Irgendwie, erzählte Chloe Hooper, habe man in der Schulzeit aber doch einiges mitbekommen. »Wir wussten, dass das Land von zentraler Bedeutung für die Identität der Aborigines ist, dass sie sich selbst als untrennbar von ihm verstehen. Wir haben ihnen unsere Kultur aufgezwungen – oft ganz brutal. Das ist unsere Erbsünde als Australier.«
Für den Ort, von dem »The Tall Man« handelt, gilt das ganz besonders: Palm Island, nordöstlich von Townsville am Barrier Reef gelegen, eigentlich ein Tropenparadies. Bis in die frühen 1970er war die Insel ein Straflager für Tausende von Aborigines, ein Ort der Verbannung. Ein Tropen-Gulag. Hierher abgeschoben wurde, wer nicht in die weiße australische Gesellschaft passte, auffällig oder renitent war, krank oder kriminell oder ein Mischling, ein »Achtelneger« oder »Mulatte«. Aborigines aus mehr als 50 verschiedenen Stämmen – und damit auch Kulturen – mussten und müssen hier miteinander klar kommen. Ihre Sprachen durften sie nicht mehr sprechen, ihre Bräuche nicht mehr ausüben. Essen gab es militärisch streng zum Signal eines Glockenturms, wer zu spät kam, blieb hungrig. Kinder, die man dabei erwischte, wie sie in Stammessprache redeten, bekamen den Mund mit Seife ausgewaschen. Prügel gehörten zum Alltag.
1999 erklärte das »Guinness Buch der Rekorde« die Insel zum »gewalttätigsten Ort der Welt außerhalb einer Kriegszone«. Die Mordrate lag dort 15-mal höher als ansonsten im Bundesstaat Queensland. Die Lebenserwartung betrug 40 Jahre, die Selbstmordrate bei Jugendlichen war die höchste der Welt. Die Arbeitslosigkeit lag bei 92 %. »Die Insel«, schreibt Chloe Hooper, »war ein schwarzes Loch, in das Menschen hineingefallen waren.« Das Buch fragt: »Wird ein Polizist aus den gleichen Gründen von der Wildnis angezogen wie ein Missionar? Erliegt der Polizist dem Reiz der Gesetzlosigkeit wie der Missionar dem der Gottlosigkeit? Was tun, wenn die Sünde ansteckend ist? Was geschieht, wenn man im Kampf gegen die Wilden selbst verwildert? Wenn man zur Maske wird?«
Diese Maske, das ist der Große Mann aus der Mythologie der Aborigines – verdichtet dargestellt in einem Prolog, den man nicht so schnell vergessen wird -, ein Wesen, das viele Formen annimmt, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Alf Mayer
PS. Chloe Hooper, 1973 in Melbourne geboren, hat sich mit drei Büchern  Weltruf erschrieben: Die beiden anderen sind »Märchen eines wahren Mordes« (A Child’s Book of True Crime, 2002), Berlin Verlag 2003, und »Die Verlobung« (The Engagement, 2012), Liebeskind 2013.
Chloe Hooper: Der große Mann. Leben und Sterben auf Palm Island (The Tall Man, 2008). Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. München: Liebeskind, 2016. 368 Seiten, 22,00 Euro.

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