»Casting« von Nicolas Wackerbarth

Drinnen oder draußen

Ein Casting ist ein hochdramatisches Geschehen; man steckt so sehr zwischen Film und Leben, dass man für beides unwiderrufliche Entscheidungen erlebt. Ob ein Film überhaupt gelingen kann, entscheidet sich schon beim Casting; und ob ein Leben, zum Beispiel das eines Schauspielers oder einer Schauspielerin, gelingen kann, ist möglicherweise ein paar Castings zu verdanken.

In Nicolas Wackerbarths Film gibt es denn auch die beiden Extreme: Einer, der sich den Dramen dieser Prüfungen nicht mehr stellen will und der sich deshalb als Anspielpartner für das Casting zur Verfügung stellt, um ein wenig Geld dazu zu verdienen, und eine, die glaubt, sie habe das Stadium dieser Probedramen schon hinter sich. Unnütz zu sagen, dass beide, der Gescheiterte, wie die Erfolgreiche, sich dem Spiel dann doch wieder stellen müssen. Auf Gedeih und Verderb.
Die Regisseurin Vera sucht für ihren ersten großen Film die passende Besetzung. Der Stoff, den man dafür gewählt hat, ist allerdings eigenartig genug: Es geht um eine neue Version von Rainer Werner Fassbinders »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« (und in der Tat um eine der bittersten Szenen darin). Die Zeit drängt, der erste Drehtag kommt, das Team und die Produktion machen Druck. Aber Vera hat die Besetzung für die weibliche Hauptrolle noch nicht gefunden, und weil der vorgesehene Darsteller für die Hauptrolle gerade nicht verfügbar ist, muss Gerwin als Anspielpartner einspringen.
Eine Schauspielerin nach der anderen wird für die Szene erprobt, und so unterschiedlich ihre Idee der Neuinterpretation, so unterschiedlich sind auch ihre Reaktionen auf Stress und Misserfolg. Was natürlich den wirklichen Schauspielerinnen, darunter Corinna Kirchhoff, Victoria Trauttmansdorff und Andrea Sawatzki, Gelegenheit genug gibt, ihren Charakter zu skizzieren. In dieser paradoxen Situation erfährt man als Zuschauer viel über die Technik des Schauspielens, aber mehr noch – und da vergisst man auch schon wieder, was man gelernt hat – über den Zusammenhang von Leben und Spiel.
Es ist ein Kampf zwischen dem Zwang zur Selbstvermarktung und der handwerklichen Würde, und natürlich beginnen hier auch Kämpfe zwischen Inszenierung und Spiel. Aber »Casting« ist deswegen ja noch lange kein Dokumentarfilm über einen besonderen Moment in der Entstehungsgeschichte eines Filmes, es ist selbst ein Spielfilm, der natürlich auch Autobiographisches in mehreren Facetten enthält. »Casting« geht sozusagen ins Innere des Filmemachens, und kann daher natürlich nicht ganz beim charmanten Oberflächenreiz von, sagen wir, Truffauts »Die amerikanische Nacht« bleiben. Wackerbarths Figuren nämlich sind nicht bloß am Rand des einen oder anderen Nervenzusammenbruchs, sondern am Rand ihrer Existenz. Es geht hier wirklich um Leben und Tod – vor der Kamera und jenseits von ihr.
Das aber heißt wiederum nicht, dass »Casting« nicht auch ein Film voller Humor und voller Zärtlichkeit sei. Wackerbarth gelingt es, uns in den Sog dieses gefährlichen Abenteuers namens Kino hineinzuziehen, man ist mittendrin im Prozess, leidet mit den Menschen, und darf sich am Ende, nach vielen Enttäuschungen, auch für manche von ihnen wieder freuen. Vielleicht ist ein Film ja unter vielem anderen wirklich nichts anderes als das Happy Ending eines Castings.
Vielleicht aber ist ein Casting auch eine treffende Metapher für das Leben zwischen Prekariat und Karriere, Entwürdigung und Selbstverwirklichung, Standhaftigkeit und Korruption. Und es geht in »Casting« nur am Rande um eine Reflexion des Mediums, um das »Film-im-Film«-Genre. Sondern um unser Leben. Um den Kampf um Drinnen- oder Draußen-Sein, um eine Arbeit, die, egal wie man sich bemüht, immer auch Opfer fordert, die Menschen erfüllt und andere hinauswirft.
Oder aber, dritte Möglichkeit, »Casting« ist die listenreichste und raffinierteste Weise, zu tun, was eigentlich unmöglich ist, nämlich eine Petra von Kant für das Jahr 2017 zu erzählen. Wie auch immer: Es ist jedenfalls packendes Kino, was da entstanden ist.

Georg Seeßlen
CASTING
von Nicolas Wackerbarth, D 2017, 91 Min.
mit Andreas Lust, Judith Engel, Ursina Lardi, Marie-Lou Sellem, Corinna Kirchhoff, Andrea Sawatzki
Drama / Start: 02.11.2017

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