Caricatura Museum holt Kurt Halbritter aus der Versenkung

kunst_caricatura_4_Kurt-Halbritter_Beinhorn_aus-Halbritters-Tier--und-PflanzenweltSag es mit Kussmaul-Blumen

Fast hätte man ihn vergessen, glorifiziert das Frankfurter Caricatura Museum seine Ausstellung zum Schaffen Kurt Halbritters nicht ganz zu Unrecht als Rettungstat. Tatsächlich taucht der Name des 1978 im Alter von 54 Jahren verstorbenen Karikaturisten ganz selten bis gar nicht auf, wenn von der Neuen  Frankfurter Schule die Rede ist. Halbritter bleibt selbst auf der inzwischen museumseigenen Zeichnung von »Die 8 der Neuen Frankfurter Schule« von Hans Traxler außen vor, obwohl er doch der einzige echte Frankfurter wäre.
Fakt ist, dass Halbritter nicht zur jüngeren Generation der Elchbruderschaft gehört und dass er zwar Mitbegründer der legendären »Pardon« gewesen ist, aber beim Erscheinen von deren Nachfolgerin »Titanic«, die er gleichwohl mit vorbereitete.  nicht mehr live zugegen war. Indes hat schon 1999 Robert Gernhardt den Wegbereiter in einer Ausstellung des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte gewürdigt, in dessen Obhut das 5.000 Arbeiten umfassende Oeuvre Halbritters ist. Rund 160 davon spiegeln nun im Walhalla der Komischen Kunst die verschiedenen Facetten des Gesamtwerks Halbritters, der seine erste Karikatur 1950 in der Rundschau unterbrachte und sich in der Folge als Militarisierungsgegner einen Namen machte. »Disziplin ist alles« hieß 1954 sein erstes »Schmunzelbuch« bei Bärmeier & Nikel (mit dem Text von Werner Finck).
Eröffnet wird die Schau mit unspektakulärer prosaische Malerei: Landschaften und Ansichten, die von Rödelheimer Gleisen und Hausdächern bis zu einem Rudel von Eschborner Säuen in tiefem Lila reichen und wohl als gelungene Kann-ich-auch-Übungen zu lesen sind. Ohnehin gibt es keine Passage unter den hier dokumentierten Schaffensphasen, an der man flüchtig vorbeigehen mag. Die Zeichnungen und Aquarelle geben ihre Themen wie nebenbei preis und entfalten ihre zornige Bissigkeit erst so richtig, wenn man sich etwas Zeit für sie lässt. »Einer von uns beiden, muss ihm sagen, dass er hier nicht erwünscht ist«, raunen zwei Kellner mit Blick auf den einsam sein Süppchen löffelnden jüdischen Gast. Die Karikatur gehört zu der Auswahl aus Halbritters ›opus magnum‹ von 1968 »Adolf Hitlers Mein Kampf«, in dem er Zitate aus Hitlers Buch in den gelebten Alltag übersetzt. »Geh schön nach Hause, Judith, Marion muss ihrer Mutter helfen und kann jetzt nicht mit dir spielen«, sagt die Mutter dem Mädchen, das mit Ball und gelbem Stern am Hemdchen vor dem Fenster steht.
Den moralinen Muff der Sechziger entblößt das »Tagebuch einer Halbwüchsigen« von 1963: »Wenn die keine Hemmungen gehabt hätten, dann wär ich schon 18 und könnte den Film sehen“, maunzt die verlotterte Göre, die mit Sicherheit zum Publikumsliebling wird, zu ihrer Freundin ins Telefon. Ein Wiedersehen für  ältere Bierexegeten der Region sind Halbritters Zeichnungen mit Schorsch und Schaa aus der  Werbekampagne »Dir und Mir« für die Binding-Brauerei. Sein letztes Buch, das es neben »Adolf Hitlers Mein Kampf« jetzt in Neuauflage gibt, hat sich Halbritter Fauna und Flora gewidmet und unter vielem anderen das vulgäre Beinhorn und die sich hingebungsvoll knutschenden »Kussmaul-Blumen« entdeckt.

Lorenz Gatt
Bis 16. November 2014
Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr
www.caricatura-museum.de

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