Burgfestspiele Dreieichenhain vom 1. Juli bis 17. August

Soul-Schwestern und Blues-Brüder

Die ersten sechs Abende kann man wohl vergessen. Bodo Wartke, Abba, Italienische Oper und Henny Nachtsheim – allesamt ausverkauft. Ein Auftakt nach Maß für Dreieichenhains Programmchef Wolfgang Barth. Der hat zwar, sagt er, noch niemanden weggeschickt, der eine Veranstaltung besuchen wollte, verweist aber auch darauf, dass es unter den insgesamt 36 Vorstellungen zwischen dem 1. Juli bis 17 August reichlich Alternativen gibt zu Abba & Co.
Ohnehin wäre zu fragen, ob die Schweden-Parodie künstlerisch überhaupt mithalten kann, wenn etwa mit Rebekka Bakken (18. Juli) ein leibhaftiger skandinavischer Weltstar zum Mikro greift und sich mit der souligsten weißen Stimme, die man sich nur denken kann, zur Musik des hr-Bigband tief in Songs von Tom Waits versenkt. Die neue CD jedenfalls ist große Klasse.
Weil Menschen, die Rebekka Bakken lieben, frei nach Amazon meistens auch Jazz mögen, zündet der Hinweis auf das integrierte »Jazz in der Burg« hier gewiss am besten. Für die 34. Ausgabe des Events (26./27. Juli) ist unter anderem das Martina Eisenreich Quartett mit dem Programm »Conte de lune« angesagt, das die Chefin und Komponistin an der Violine sieht. Erneut zu Gast sind European Swing Allstars mit Hugo Strasser an der Klarinette. Vom kopfstarken Dirty Boogy Orchestra steht eine Hommage an den Rock-a-Billy-Papst Brian Setzer »ohne digitale Synthesizer-Teppiche und Sequenzer-Loops« zu erwarten. Am Morning After folgt dem traditionellen Gospel-Matinee in der Burgkirche der Blues Morning mit dem Otis Taylor Quartett und Brixton Boogie.
Mehr als einen zarten Fingerzeig ist auch das Theaterprogramm des Festivals wert. Michael Quasts Barock-am-Main-Ensemble zeigt den Vorjahrshit aus dem Bolongaro-Palast: Molières Frauenheld »Don Juan« (11., 12. Juli). Eine gute Woche drauf gibt Quast mit der kongenialen Sabine Fischmann und Rhodis Britton am Klavier frei nach Bizet »Carmen à trois« (24.Juli). Die jüngste und wohl auch bisher beste Arbeit des Trios wurde erst zweimal in der Oper Frankfurt gespielt und kam dort riesig gut an.
Von dem Titel »Die Geiselnahme« (17. Juli) sollte man sich indes nicht täuschen lassen: Das Hamburger Kammerspiel legt sich in dieser zeitgemäßen bissigen Komödie mit den Banken an. Gut so. Als Kultstück und in Bad Vilbel bereits gut eingeführt, rocken die Blues Brothers (31. Juli, 1., 2. August) Buchschlag kurz nachdem das NN-Theater der Volksbühne Köln den Bildungsklassiker »Die Nibelungen« (30. Juli) zeigt. Was danach vom Germanenmythos noch Bestand haben wird, steht abzuwarten.
Im Übrigen gibt es, wie gehabt, ein Kinderprogramm, unter anderem mit »Pünktchen und Anton«, und reichlich Jazz. Im Vorjahr haben mehr als 20.000 Menschen die Vorstellungen besucht. Das wird in diesem trotz WM nicht viel anders sein. Einen Fernseher für das Unverzichtbare gibt es auch. Dass die Lesung mit Wladimir Kaminer am 5. Juli zwischen zwei Viertelfinalspielen geplant ist, lässt allen alles offen – so es ohne Verlängerung bleibt.

gt
Infos, Programme, Karten unter www.burgfestspiele-dreieichenhan.de

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