Bodo Kirchhoffs Novelle »Widerfahrnis« zeigt eine neue Seite des Autors

Nach der Fahrt mit der Fähre ist alles vorbei

Bodo Kirchhoff liefert zuverlässig jedes Jahr neuen Stoff für seine, oft schon nach ihm süchtigen Leser. Auch »Widerfahrnis«, diese Novelle aus Oberbayern, mit einem, zugegeben, etwas altfränkischen Titel, bedient dieses Bedürfnis: es geht wieder einmal um die liebe Liebe – aber diesmal auf eine überraschend andere Weise.

Julius Reither, 64, hat sich nach der Insolvenz seines Kleinverlags mit Miniaturbuchhandlung in eine Wohnanlage ins Weissachtal im Allgäu zurückgezogen. Hier ist er »der Welt des müden Lächelns« entkommen und abends trinkt er gerne ein Glas Wein, »das friedliche Laster, das einen entfernt von der Welt, all ihrem Elend«.  Kirchhoffs Roman beginnt mit einer Warnung an den Leser, dass kein gutes Ende zu erwarten ist. »Diese Geschichte zerreißt ihm noch immer das Herz.« Auf einmal hört er Schritte vor seiner Tür »oder war da etwas mit ihm?« Als er die Tür öffnet, steht da wirklich eine Frau. Er bittet sie herein, sie kommen ins Gespräch. Leonie Palm, Ende 50, war Besitzerin eines inzwischen aufgelösten Hutladens. »Es gab für meine Hüte immer weniger Gesichter.« Im Verlauf des Abends schlägt die Palm, wie er sie dann nennen wird, vor, einen kleinen Ausflug mit ihrem BMW Cabrio zu machen. Sie will sehen, ob er noch anspringt nach dem langen Winter. Der kleine Ausflug wird zu einer Fahrt über den Brenner, nach Italien. Sie schlafen im Auto, beim Fahren wechseln sie sich ab, sie fahren Stunde um Stunde, immer nach Süden. Sie lassen sich Zeit zu entscheiden, ob sie ausschließlich die Landschaft erkunden wollen oder auch »was der eine für den anderen ist, die Begleitung oder das Inbild«. Nach zwei Tagen weiß er, er ist einer Frau begegnet, »die er kaum kennt. Aber schon nicht mehr verlieren will.«
In Catania, Sizilien, mieten sie eine kleine Wohnung, es wird ihre erste gemeinsame Nacht werden. Aber sie sind nicht mehr alleine. Beim Gang durch die Straßen bietet ihnen ein dunkelhäutiges Mädchen, 12 oder 13 Jahre alt, eine Halskette an. An der Kette hängt eine wertlose bemalte Scherbe. Der Blick des Mädchens ist »verschlagen«, sie scheint eine »Streunerin« zu sein, dennoch nehmen sie das Kind mit in ihre Wohnung, kleiden sie ein, geben ihr zu essen und die Palm will sie unbedingt mitnehmen in ihre »andere, aussichtsreichere Welt«, nach Deutschland. Das aber geht gründlich schief.  Auf der Rückfahrt mit der Fähre nach Reggio versucht das Mädchen aus dem Auto zu fliehen. Aus Angst, dass die Polizei sie entdeckt, hält Reither sie an der Kette fest, wobei der Anhänger »sich wie eine Klinge durch seine Hand zog«. Das Mädchen kann sich losreißen, Leonie verfolgt sie, zurück bleibt Reither mit einer klaffenden Wunde.
Das Schiff hat unterdessen angelegt, Reither muss von der Fähre herunterfahren. Er kann nirgends anhalten, um die Beiden zu suchen. Als er endlich eine Haltemöglichkeit am Hafen findet, wirft er sich neben das Auto auf den Boden. »Reither lag auf dem Rücken und weinte – … er weinte um sich.« Plötzlich steht neben ihm ein Schwarzer und fragt: »Can I help you, man?« Es gibt ihn noch, den Retter in der höchsten Not. Auch davon handelt »Widerfahrnis«, es ist nämlich »die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt.«
Kitsch? Vielleicht? Herzergreifend? – sicher. Es lohnt sich allerdings am Ende auch den Anfang, die ersten Sätze, noch einmal zu lesen. Dann eröffnet sich nämlich eine völlig neue Perspektive. Sozusagen: ein starkes Stück. Und genau das ist Kirchhoffs Buch: ein starkes Stück.

Sigrid Lüdke-Haertel (Foto: Bodo Kirchhoff, © Laura J. Gerlach)
Bodo Kirchhoff: »Widerfahrnis«. Eine Novelle.
Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 2016, 224 S., 21 Euro

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