Die moralischen Romane des Don Winslow

Fuck you – Fuck me

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Fuck you, das waren 2010 die einzigen Worte auf der ersten Seite von Don Winslows Buch »Savages« (deutsch als »Zeit des Zorns«). Es war ein in jeder Hinsicht starker Einstieg in ein ziemlich ungewöhnliches Buch. Der Originaltitel (Savages = Wilde) brachte den inneren Furor dieses Werkes ungebrochener zum Ausdruck als die deutsche Übersetzung, für die man insgesamt vor Conny Lösch den Hut ziehen muß. Winslows Roman ist eigentlich weithin gut lesbar für jeden, der ein wenig Englisch kann, dennoch aber stilistisch etwas richtig Besonderes. Winslow hat seit seinem »Frankie Machine« einen Stil entwickelt, der ebenso simpel wie raffiniert, anspruchsvoll und anschaulich, elaboriert und direkt ist. Viele seiner Kapitel sind mini-kurz, die Perspektiven wie die Erzählhaltung wechseln beständig, wüster innerer Monolog wechselt mit lakonischem Erzählen, Lapidares mit Stakkatohaftem, Ironie mit Zorn, Noir-Elemente mit Sentiment, Filmscript mit Hard-boiled-Situationen… Alles frakturiert, ein wildes Kaleidoskop, dessen Schönheit sich in der Summe erschließt, ein Albtraum für Strukturtheoretiker. Mein Gefühl ist, daß der Autor und Vielschreiber Winslow sich einen Stil erfunden hat, der ihm jede Freiheit läßt. »Savages« heißt auch Oliver Stones kongeniale Verfilmung des Romanes, mit der er an »Natural Born Killers« anknüpft und einer bis ins Mark unmoralisch gewordenen Gesellschaft die Spiegelsplitter entgegenschleudert.

Alle sind sie böse, nur eben unterschiedlich böse, in »Savages«. Die zwei kalifornischen Sonnyboys Ben und Chon sind alles andere als Unschuldslämmer, sie produzieren und dealen das beste Hasch in Kalifornien, teilen sich die blonde Ophelia, kurz O genannt, und legen sich mit einem mexikanischen Drogenkartell an. Dessen Chefin, im Film von einer bizarr-großartigen Salma Hayek verkörpert, läßt die O entführen und ihren Killer Lado (Benicio Del Torro) von der Kette. Über alle Action hinaus deklinieren Buch wie Film ein Geschäftsgebaren, das erschreckende Parallelen zur von uns allen für die einzig bare Münze genommenen Realität aufweist. Chon ist ein Irak-Veteran, zum mitleidslosen Killen ausgebildet, das Drogenbusiness unterscheidet sich vom normalen Geschäft nur durch die tödlicheren Umgangsformen.

Winslows »Savages« ist zeitlich im modernen Südkalifornien angesiedelt, kurz nachdem Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt war. »Kings of Cool« nun ist ein Prequel und spielt im Jahr 2005, reicht aber zurück bis 1967, erzählt die Geschichte der Eltern von Ben, Chon und O und die Anfänge der Drogenkarriere der drei. Auf der ersten Seite stehen nur die Worte »Fuck me«.

Don Winslow erzählt in »Kings of Cool«, wie Hippies, Pazifisten und Kleinunternehmer ihre Unschuld verloren, wie aus einem Traum ein Alptraum wurde. »Geh dem Geld nach« zitiert einer seiner Protagonisten einmal aus dem Film »Die Unbestechlichen«, und Winslow tut genau das, er folgt den Geldströmen, die das Drogengeschäft produziert. Buchstäblich eine Wagenladung Geld sehen, das kann man hier, oder einem Wort nachschmecken wie etwa »Bargeldlager«.
Winslows Roman ist um keine Drastigkeit verlegen, Zartbesaitete sollten auf gerötete Wangen gefaßt sein. »Das Hippieding ist vorbei – Frieden, Liebe, schieb es dir in den Arsch. Jimi tot, Janis tot, jetzt heißt es Sympathy for the Devil … Geld ist die Zukunft und Kokain bringt Geld. Börsenmakler koksen, Filmproduzenten, Musikmanager, Ärzte, Anwälte, Indianerhäuptlinge – die sind nicht auf Gras, die sind auf Koks … Gras ist ein Juniorunternehmen. Koks ist Wall Street … Es ist 1976, zweihundert Jahre Unabhängigkeit, jetzt beginnt das Buy Centennial.«
Manche seiner Kapitel leitet Winslow mit Songzitaten ein, Popkultur erhält hier eine geschichtlich-moralische Dimension. Zu »Laguna Beach, Kalifornien 2005« etwa zitiert er »The Jordanaires« mit:

»Don‘t let the Devil ride
I said don‘t let the Devil ride
cuz if you let him ride
He surely want to drive.«

Zum gleichen Ort und der Elterngeneration von 1981 holt er sich Bob Dylan:
»It may be the Devil or It may be the Lord – But you re gonna have to serve somebody.« Im Kapitel 246 (insgesamt gibt es 305, Kapitel 297 lautet, dramaturgisch richtig gesetzt: Fickt euch) gibt Winslow auf zwei knappen Seiten einen Geschichtsunterricht. Was passiert ist?, fragt sich da einer der Althippies. »Mit uns? Mit dem Land? … Wir haben gesehen, wie sich der Traum in einen Albtraum verwandelt hat, wie aus Love and Peace Krieg und Gewalt wurden, aus Idealismus Realismus und aus Realismus Zynismus und aus Zynismus Apathie und aus Apathie Egoismus und aus Egoismus Habgier … Erst willst du eine neue Welt erschaffen und dann merkst du, daß du eigentlich nur noch deinen Weinkeller auffüllen und die Glasveranda ausbauen willst, du siehst, daß du älter wirst, und fragst dich, ob du dafür schon genug beiseite gelegt hast…Wir wurden müde, wir wurden alt, wir hörten auf  zu träumen, wir lernten uns zu verachten, unseren jugendlichen Idealismus abzulehnen, wir haben uns billig verkauft,
wir sind nicht die, die wir sein wollten.«

Don Winslow, 1953 in New York geboren (ich empfehle seinen in dieser Zeit dort angesiedelten wunderschön klugen und witzigen Roman von 1996 »Isle of Joy« dt. »Manhattan Blues«) hat einen Lauf. »Savages« war sein literarischer wie kommerzieller Durchbruch, bei uns wurde »Tage der Toten« (»Power of the Dog«) zum Verkaufserfolg. Nachdem er in den 90ern beim Piper-Verlag ziemlich unterging, sind nun bei Suhrkamp mehrere seiner Romane erschienen, so auch die eleganten »surf noirs« »Pacific Private« und »Pacific Paradise«. In »Kings of Cool« haben auch die Helden zweier früherer Bücher einen Auftritt: Der Mafia-Killer Frankie Machine (für den sich Robert De Niro vor Jahren die Filmrechte sicherte) und der Drogendealer Bobbie Z, Winslow hat sich zu einem Chronisten des falsch gelaufenen südkalifornischen Traums entwickelt – und zu einem ziemlich aufregenden »anderen« Autor.

Viele Seiten in seinen »Kings of Cool« und »Savages« lesen sich wie moderne Posie, haben abgehackte Zeilen, lesen sich teilweise wie Riffs. Ein Beispiel:

»Nur wenige Menschen sind je gezwungen herauszufinden, was sie tun würden, wenn sie ihr ganzes Leben auf der einen Sache aufgebaut haben und dann
die andere
angeboten bekommen.
Keine Drohungen braucht es, keine Kinogewalt, damit der Drogenagent Dennis die Seiten wechselt. Bei Winslow liest sich das in Kapitel 78 so:
Reines Geschäft.
Ein Wert wird gegen einen anderen getauscht.
Geld für Freiheit.
Und als der Drogenbaron geht, heißt es:
Filipo geht zur Tür raus
und nimmt ein großes Stück von Dennis mit.
Was ist aus Moral geworden?, fragt jemand in »Savages«. Nun, sie wurde abgelöst von einer neueren, schnelleren und einfacheren Technologie, lautet die Antwort.

Die Bücher von Don Winslow:
1991: A Cool Breeze on the Underground  (Ein kalter Hauch im Untergrund, Piper 1997). 1992: The Trail to Buddha’s Mirror (Das Licht in Buddhas Spiegel, Piper 1997). 1993: Way Down on the High Lonely. 1994: A Long Walk Up the Water Slide. 1996: While Drowning in the Desert (Das Schlangental, Piper 1998)–alle 5 Romane mit dem Privatdetektiv Neal Carey). 1996: Isle of Joy
(Manhattan Blüs, Piper 1997). 1997: Death and Life of Bobby Z (Die Auferstehung des Bobby Z; Blessing Verlag 1997). 1999: California Fire and Life (Die Sprache des Feürs, Suhrkamp 2012). 2005: The Power of the Dog (Tage der Toten, Suhrkamp  2011). 2006: The Winter of Frankie Machine
(Frankie Machine, Suhrkamp 2009). 2008: The Dawn Patrol (Pacific Private, dt. von Conny Lösch, Suhrkamp 2009). 2009: The Gentlemen’s Hour (Pacific Paradise, dt. von Conny Lösch, Suhrkamp 2010). 2010: Savages (Zeit des Zorns, dt. von Conny Lösch, Suhrkamp 2011). 2011: Satori  (dt. von Conny Lösch; Heyne 2011). 2012: The Kings of Cool (Kings of Cool, dt. von Conny Lösch, Suhrkamp 2012)

Alf Mayer

 

 

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