»Birnenkuchen mit Lavendel« von Éric Besnard

Der Entschleuniger

Gestresster Normalo trifft Sonderling mit Behinderung, diese Geschichte haben wir schon einige Male im Kino gesehen – mal sehr traurig (»Am achten Tag«), mal sehr lustig (»Ziemlich beste Freunde«). Doch mit so viel nonchalantem Optimismus wie bei Éric Besnard haben wir sie selten erzählt bekommen.

Den Birnenkuchen des deutschen Titels verkauft die hübsche Louise (Virginie Efira) auf dem Markt. Ihr gehört eine große Wiese mit Birnenbäumen in der Provence. Doch die Geschäfte mit den Birnen laufen schlecht, und Louise führt den Obsthof seit dem Tod ihres Mannes allein. Man muss gar nicht ihr Gespräch mit dem Nachbarn Paul (Laurent Bateau) zu Beginn des Films konzentriert verfolgen, um mitzubekommen, dass sie innerlich unter Druck steht – und dass Paul kaum eine Chance hat, in ihrem Bett zu landen. Unkonzentriert am Steuer, fährt sie auf dem Weg nach Hause prompt einen Fußgänger an.
Der Unbekannte ist zunächst völlig verstört, setzt sich auf eine Wiese und will keinen Zentimeter weichen. Doch die resolute Louise lässt nicht locker und lädt ihn in ihr Haus ein, um ihn zu verarzten. Auch das gestaltet sich schwierig, weil Unfallopfer Pierre (Benjamin Lavernhe) sich nicht anfassen lässt. Pierre hat auch diverse andere Macken, er ordnet beispielsweise die Gegenstände, die im Wohnzimmer herumliegen oder klebt bunte Punkte an Stellen, die ihm leer vorkommen.
Pierre gibt also zu einer Menge Lacher Anlass, und bald wird klar, dass er am Asperger-Syndrom leidet. Man lacht mehr über die Reaktionen von Louise, Paul und anderen als über Pierre, dessen intellektuelle Fähigkeiten Anlass zum Staunen bieten. Und als verständnisvolle Vaterfigur erklärt uns der Antiquar Jules (Hervé Pierre, der wie Lavernhe aus dem Ensemble der Comédie-Française stammt) das Verhalten seines Schützlings. Im Hinterzimmer seines Buchladens wohnt Pierre, der das Bücher-Lesen aufgegeben hat, aber immer noch weiß, in welchem Regal ein Buch steht und welchen Inhalt es hat.
Aber mehr und mehr zieht es ihn hinaus aufs Land zu Louise, wo er bald auch von deren kleinen Sohn und der pubertierenden Tochter akzeptiert wird. Denn Pierre, so stellt sich heraus, ist in seiner Arglosigkeit und Naivität ein Entschleuniger, der der hippeligen Louise guttut, auch wenn diese es lange Zeit nicht wahrhaben will. Andererseits ist mit ihm eine »normale« Liebesbeziehung schwer vorstellbar, und so kommt es erst zu einem deprimierenden Heim-Intermezzo und einer dramatischen Zuspitzung von Louises Geldnöten, bis sich eine Lösung findet, die alle, auch die Zuschauer, zufriedenstellt.
»Birnenkuchen mit Lavendel« erzählt nicht nur verblüffend leichthändig, es ist auch ein hinreißender Schauspielerfilm. Bis zu den Rollen von Tochter (Lucie Fagedet) und Sohn (Léo  Lorleac’h), die in entscheidenden Momenten die Aufgabe haben, für Dramatik sorgen, ist er glänzend besetzt. Als weiterer Hauptdarsteller ist die sonnendurchflutete südfranzösische Landschaft zu bewundern. Der Sommer kann kommen – auch bei uns.

Claus Wecker
BIRNENKUCHEN MIT LAVENDEL (Le goût des merveilles)
von Éric Besnard, F 2015, 101 Min.
mit Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet, Léo Lorléac‘h, Hervé Pierre
Liebeskomödie
Start: 10.03.2016

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