»Bewusste Halluzinationen. Der filmische Surrealismus« im Deutschen Filmmuseum

Un chien Andalou (Foto: Deutsches Filmmuseum)Albträume werden wahr

Wir träumen bekanntlich die verrücktesten Sachen. Sind wir im Schlaf vielleicht alle Surrealisten? In der Ausstellung im Filmmuseum kann jeder überprüfen, wie viel Surrealismus in ihm steckt.
Im Mittelpunkt steht »Un chien andalou«, jenes Meisterwerk aus dem Jahr 1929 von, laut Vorspann, Louis Bunuel und Salvador Dali. Nach wie vor ist dies der wichtigste surrealistische Film, und es wird schwer werden, ihn jemals zu übertreffen. Leider dominieren der Tango und die Wagner-Musik aus »Tristan und Isolde«, die abwechselnd den Film begleiten, den gesamten Raum der Ausstellung. An der akustischen Gestaltung sollte das Haus noch arbeiten.
Frankreich ist das Ursprungsland des Surrealismus, der auch als eine Reaktion auf den Weltkrieg angesehen werden kann (dass es der Erste war, wusste damals noch niemand). Zehn Jahre nach dessen Ausbruch wurde in Paris das »Surrealistische Manifest« von Andrè Breton veröffentlicht. In der Ausstellung, die sich auf die Zeit von 1924 bis 1939 konzentriert, wird deutlich, dass der Surrealismus zunächst eine literarische Bewegung war. Doch Literatur und Film beeinflussten sich gegenseitig. Der Krieg hatte das Bild des Menschen als vernunftbegabtes Wesen erst einmal zerstört. An der Wiederherstellung arbeiten wir bis heute, hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Der Zeitpunkt für diese Ausstellung ist also gut gewählt. Neunzig Jahre Surrealismus – weltweit. 13 Länder werden vorgestellt. In der Tschechoslowakei brachte Karel Teige »Das poetistische Manifest« heraus, und in ihrem aufrührerischen Charakter erinnern die »Manifeste« natürlich an »Das kommunistische Manifest« von 1848. In der Sowjetunion wurde die antibürgerliche Bewegung zunächst mit Interesse verfolgt, doch wegen deren negativer Weltsicht bald geächtet.
Auf der anderen Seite, in den USA, liefen nur in den Filmclubs ausländische Produktionen. Die Amerikaner hatten dafür die Marx Brothers, die beweisen, dass der Surrealismus im Film kein Genre ist, sondern eine bestimmte Sicht der Realität. Die Spiegelszene aus »Duck Soup« (Die Marx Brothers im Krieg, USA 1933) ist im Foyer der Ausstellung zu sehen. Dort findet man auch den Experimentalfim »Vormittagsspuk« von Hans Richter  (D 1928) und einen Ausschnitt aus »Fantômas – À l’ombre de la guillotine« (Fantômas – im Schatten der Guillotine, F 1913). Für all die Kurzfilme und Filmausschnitte, für die Schaukästen mit ihren Originalpublikationen und für die kleinteiligen Objekte an den Wänden sollte man viel Zeit mitbringen, denn diese Reise um die Welt erschließt sich nicht auf einen flüchtigen Blick. Für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema sei der reich bebilderte Katalog empfohlen mit gut lesbaren Texten zur Filmgeschichte in den einzelnen Ländern und vielen Bildern. Das Kino im Haus, der Ort, an den die Filme hingehören, bietet eine Reihe mit bekannten und weniger bekannten Beispielen surrealistischer Filme. Am Samstag- und Sonntagnachmittag (in den Sommerferien auch freitags) besteht die Möglichkeit, im offenen Filmstudio selbst kreativ zu werden, und auf der Website bewusste-halluzinationen.de kann man am Surrealismus-Sommer, zu dem auch eine Ausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt gehört, aktiv teilnehmen.

Claus Wecker
Bis 2. November 2014: Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr.
Der Katalog kostet im Museum 24,80 €.
www.deutsches-filmmuseum.de oder http://bewusste-halluzinationen.de

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