Bestes Regional-Noir: David Marks Krimiserie aus Hull/Yorkshire

Hull in Großbritannien ist einem größeren deutschen Publikum vermutlich ebenso wenig bekannt wie der Autor David Mark, sein Polizist Aector McAvoy und dessen Vorgesetzte Patricia »Trish« Pharaoh. Hull in Ost-Yorkshire gehört zu den am schlechtesten angesehenen Städten in Großbritannien. »Hull is dull« lautet das seit langem anhängende Etikett (aktuell in der Tabelle der Premiere League auf Rang 18). David Mark belehrt uns eines Besseren. Er ist 39, schreibt eine der besten Krimiserien Englands, nur dass das hierzulande kaum jemand weiß. Vier seiner bisher sechs Romane liegen übersetzt vor. Sie dümpeln unauffällig im Wald-und-Wiesen-Mittelfeld, wirken mit Covern und Titeln wie x-beliebige Regio-Krimis: »Sterbensangst« (2012), »Dein ist die Rache« (2013), »Ewige Buße« (2014), »Erbarme dich unser« (2016). Außer den üblich oberflächlichen Kundenstimmen bei Amazon gibt es in Deutschland noch kaum eine ernsthafte Besprechung. Das aber ist ein Versäumnis.
Die weithin anerkannte Krimiautorin Val McDermid, die sich jedes Jahr für ihr Panel »New Blood« beim Krimifestival von Harrowgate durch 40 bis 70 britische Krimidebüts wühlt, stellte im Jahr 2013 David Marks Erstling »Sterbensangst« als »aufregende, neue Stimme« und den Autor als »großes Talent« vor: »Funkelnd geschrieben, mit einem wirklichen Gefühl für das Geschichtenerzählen.« Diesen Vorschusslorbeeren ist David Mark bis heute gerecht geblieben, ja er hat sich gesteigert. Wer seine Bücher liest, vergisst sie nicht. Seine Figuren sind keine Klone x-beliebiger Regionallurche, sein Hull nicht irgendein Provinzkaff, die Konflikte nicht auf tausendfach durchgekautem ZDF-Vorabendformat. Er traut sich etwas, setzt seine sehr eigenwilligen Figuren gehörig unter Strom und schreibt ein am amerikanischen Hardboiled-Stil geschultes, oft knappes Englisch mit kurzen Sätzen, durch das wie die Sonnenstrahlen am oft verhangenen Himmel von Hull unvermittelt Poesie schießt. Seine Bücher sind, der gelegentlichen Sonne zum Trotz, echtes Noir. Immer bleibt da ein Herzklopfen, ein Frösteln, ein existentieller Abgrund, ein Bangen um das weitere Schicksal der Figuren. Nichts mit Kuscheln. »Cosy« sind diese Romane nicht.
Die 250 Kilometer nördlich von London gelegene Stadt Hull ist in ihnen ein wichtiger Charakter. David Mark hat hier sieben Jahre als Polizeireporter der »Yorkshire Post« gearbeitet, er kennt die Gossenperspektive, die dunklen Seiten und Geheimnisse. »Diese Stadt inspiriert mich«, sagte er. Wie Val McDermid ihr Manchester, Ian Rankin sein Edinburgh, Stuart MacBride sein Aberdeen, Denise Mina ihr Glasgow, John Harvey sein Nottingham oder Adrian McKinty und Stuart Nevilles ihr Belfast macht er Hull zu seiner Leinwand.
Kingston upon Hull, kurz Hull genannt, war einst Großbritannien drittgrößer Hafen, das Zentrum der Walfang- und Tiefseefischerei. Im Zweiten Weltkrieg war es abgesehen von London die am heftigsten bombardierte britische Großstadt, 95 Prozent der Gebäude beschädigt oder zerstört. Hull liegt auf niedrigem Meeresspiegel, im Zuge des Klimawandels werden sich die 250.000 Einwohner (Städtepartnerschaft mit Greifswald) irgendwann höher ansiedeln müssen. Für gute Jobs müssen die Jüngeren schon heute bis Leeds und Sheffield oder noch weiter pendeln. Hull gehört zu den ärmsten Städten des Landes, hat eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und wenig Perspektiven. Der Poet Philip Larkin war 30 Jahre lang Chefbibliothekar der Universität, auch Krimiautor Francis Durbridge (1912 – 1998) und sein viel besserer Kollege Lionel Davidson (1922 – 2009) stammten aus Hull.
Hull könnte also ein Begriff sein, spätestens jetzt mit David Mark sollte es einer werden. Gerade ist in England und den USA sein siebter Kriminalroman erschienen, »Cruel Mercy«, in dem er Aector McAvoy nach New York schickt, wo er tatsächlich in einen Boxring steigen muss.
Hinweis: Es lohnt sich, die Romane chronologisch zu lesen. Das ist kein Muss, aber eine Empfehlung, denn die inneren Konflikte der Personen werden schrittweise entwickelt, die Schrauben immer weiter angezogen. Schon in den beiden ersten Romanen werden Echokammern angelegt, Erzählfäden und Schicksale verschränkt, wird den Figuren Raum gelassen. Der Untergang eines Fischtrawlers, ein Macheten-Massaker in Sierra Leone und eine Brandkatastrophe spiegeln sich in »Sterbensangst« in die Gegenwart. Ein damals überlebender Seemann ertrinkt, ein mit einer Machete angegriffenes Mädchen wird zerhackt, ein Mann, dessen Familie verbrannte, verbrennt. Detective Sergeant Aector McAvoy, die Hauptfigur, erkennt zu spät, dass auch er ein Überlebender ist und vielleicht auf der Liste steht. David Mark führt seinen Helden als Außenseiter ein, in der Abteilung verfemt, weil er sich einem korrupten System verweigerte. Seine Chefin wartet ein halbes Jahr, ihn auf die Vergangenheit anzusprechen. So gibt es manch lang brennende Lunte, überhaupt fallen dieser McAvoy und die ihn umgebenden Figuren aus dem Rahmen. Er ist ein unförmig großer, weichherziger Gigant mit einer Ecke aus Stahl, der sich zuhause bei Frau und Kindern am wohlsten fühlt, als würde nur dort etwas Warmes in ihm glühen, und der bei der Arbeit oft nicht weiß, wie er sich fühlen und benehmen soll. »Ich hätte keine Ahnung, wie ich Sie bestechen sollte«, sagt ihm einmal ein alter Gangster. Wenn er Gewalt einsetzen muss, kommt ihm das wie ein Scheitern vor. Sein Autor aber bringt ihn in genau solche Situationen und zumindest in seiner Phantasie und seinen Plots testet er auch die Bindungskräfte von Familie.
David Mark aber »kann« nicht nur Männer. McAvoys Frau Roisin stammt aus einer Traveller-Familie, dem fahrenden Volk Großbritanniens und Irlands, und hat manch eigene Agenda. Seine exzentrische Chefin Trish Pharaoh ist eine starke, nonkonformistische Frauenfigur. Vollbusig, sexy, vierfache Mutter, ein Spät-Punk mit Bikerstiefeln, wahlweise am Abend im Pub so aufgedonnert, dass McAvoy »dem Impuls widerstehen muss, sich das Bild ihres enganliegenden Kleides ins Gedächtnis zu fixieren«. Sie kann junge Kolleginnen nicht ausstehen, »die in Miniröcken und Highheels herumtänzeln und dann das Gesicht verziehen, wenn ihnen jemand nachpfeift«. Auch Pharaohs Härte und Selbstbehauptung wird in den Romanen getestet.
Diese Bücher sind – es muss wiederholt werden – alles andere als cosy. David Mark zeichnet nicht nur Polizeiarbeit realistisch und ohne Überhöhungen, durch seine Erzählungen zieht sich als Lavastrom die Unterwelt des organisierten Verbrechens. Das liest sich real, böse, erbarmungslos, Polizei und die Ordnungskräfte ebenso darin verwoben wie Politik und »bessere« Gesellschaft. Tiefe, pessimistische Schatten wirft das über das Werk, erhöht Realitätsgehalt wie Wucht.
»Erbarme dich unser« ist dem gerade gestorbenen angeheirateten Großvater gewidmet. Erst nachträglich war es David Mark aufgefallen, schreibt er im Nachwort, wie sehr sein McAvoy doch diesem Polizisten gleiche. In „Ewige Buße“ bedankt er sich bei den Dieben, die ihm den Laptop samt beinahe fertiggestelltem Buch stahlen. Das habe ihm Gelegenheit gegeben, sich extra harte Wendungen auszudenken.

Alf Mayer
Die Kriminalromane David Mark erscheinen in Deutschland bei Ullstein:
Sterbensangst (The Dark Winter; dt. 2012)
Dein ist die Rache (Original Skin; 2013)
Ewige Buße (Sorrow Bound; 2014)
Erbarme dich unser (Taking Pity, 2015; dt. 2016)
Dead Pretty (2016)
Cruel Mercy (2017)

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