Beschimpfungen (92)

Ich möchte jetzt mal das tun, von dem Politiker nach grandiosen Wahlniederlagen oder Bonsai-Siegen immer wieder beteuern, dies sei die vollkommen falsche Interpretation dessen, was ihnen gerade einen Nackenschlag versetzt hat. Ich will hier ausdrücklich mal die Wähler und natürlich auch Wählerinnen beschimpfen, die meinen, durch ein Kreuz bei einer rassistischen, rechtspopulistischen, unsozialen parteigewordenen Antibewegung etwas Positives für dieses Land oder zumindest für sich selbst erreichen zu können. Seid ihr schon wieder soweit, den Demagogen auf den Leim zu gehen, die für all euer Unbehagen, all eure persönlichen Schwierigkeiten und Ängste – die echten wie die befürchteten – mal wieder ganz schnell die Schuldigen aus der Schublade ziehen: die Politiker, die Lügenjournalisten, die Merkel und – natürlich – die Flüchtlinge, die Moslems, die Afrikaner, überhaupt die Fremden. Es mag ja sein, dass einige von euch sich abgehängt und verloren fühlen in dieser globalisierten Welt. Aber mal ganz ehrlich, diese mit verständnisvoller Miene vorgetragenen Polit- und Soziologenargumente gehen euch doch eigentlich am Arsch vorbei. Oder warum lauft ihr schon wieder mit dem neuesten iPhone 7 rum, während der Globalisierungsgewinner Apple die Gesellschaft, also euch, mit einem Steuersatz von 0,005 Prozent betrügt? Nee, da hackt ihr lieber auf diesen dunkelhaarigen, dunkeläugigen und dunkelhäutigen nicht-weißen, nicht-deutschstämmig geborenen Fremden rum, die mit euren abgelegten iPhones 4 versuchen, Kontakt zu ihren Familien zu kriegen.
Nein, ich habe kein Verständnis für euch, ich will euch nicht entschuldigen, weil ihr keine oder nur eine schlecht bezahlte Arbeit habt, weil die Mieten zu hoch sind, dass ihr das als Begründung nehmt, den rechten Rattenfängern zu folgen. Aber noch mehr beschimpfen möchte ich jene, die als Nadelstreifen – bzw. Kaschmirrassisten ohne wirtschaftliche Not den ideologischen Unterbau liefern, die reale oder eingebildete Ängste nicht nur schüren, sondern zum Teil erst erzeugen.
Und es ist auch richtig, jene zu beschimpfen, die sich in Europa schon nationalistisch-rassistische Regierungen gewählt haben, die, wie in Ungarn und Polen, mit ihren antidemokratischen Gesetzgebungen aufzeigen, wohin der Zug auch in Frankreich, Holland oder Österreich fahren könnte.
Aber, und nun begebe ich mich auf treibsandigen Grund, ich möchte auch die beschimpfen, die mit einem vieltausendfachen Meer von halbmondgeschmückten roten Fahnen den Vorurteilen und vielleicht auch Ängsten der oben Beschimpften zusätzliche Nahrung geben. Was bitte reitet euch, hier in Deutschland einen türkischen Staatspräsidenten als den Euren zu feiern, der in seinem Land die demokratischen Spielregeln mit Verhaftungen und Berufsverboten noch mehr bricht als die schon beschimpften Viktor Orban in Ungarn und Beata Szydlo in Polen.
Und natürlich will ich auch die beschimpfen, die das Ticket der Ausländerfeindlichkeit benutzen, uns daran zu hindern, ihr krudes religiös verbrämtes Gesellschafts- und vor allem Frauenbild des neunten Jahrhunderts zu kritisieren. Die möglichst weitgehende Verhüllung des weiblichen Körpers soll ja nach strenger Koranauslegung verhindern, dass die Jungs in sexuelle Erregung geraten. Hatten wir das Argument, die Frauen seien wegen freizügiger Bekleidung selbst schuld an männlichen Übergriffen, nicht längst überwunden? Wie ernst es den Baseballcap und iPhone bewaffneten Vertretern der Worte des Propheten mit dem Hüten der weiblichen Moral ist, kann man sehr schön an ihrem Aufmarsch vor den Laufhäusern im Bahnhofsviertel beobachten.
Genug geschimpft.

Jochen Vielhauer

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