Berlinale 2014 (1)

Zentrum des Geschehens: der Berlinale Palast (Foto: Rita Kratzenberg)Berlinale wozu?

Bericht von den 64. Internationalen Filmfestspielen Berlin

Wofür lohnt es sich, zur Berlinale zu fahren? Für eine um zwanzig Minuten längere Fassung von Lars von Triers Film »Nymphomanic Volume 1«? Oder um sich einen Überblick über das aktuelle Kino der Welt und über die Filmgeschichte zu verschaffen?

Fangen wir mit »Nymphomaniac Volume 1« an, Triers bislang letzte Provokation, der in einer Langfassung auf dem Festival gelaufen ist. Es handelt sich hierbei um den Versuch, aus einer ganz normalen Festivalvorstellung ein einmaliges Ereignis zu machen. Nur auf der Berlinale und nicht in den hiesigen Kinos ist der vorab als Skandalfilm promotete, außer Konkurrenz laufende Wettbewerbsbeitrag in der langen Version zu sehen. Doch wer einen Porno erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die entsprechenden Szenen sind sorgfältig über den Film verteilt, dazwischen gibt es einige durchaus originelle Späße, aber zumeist herrscht Langeweile. Die Welt ist heruntergekommen, sagt uns Lars von Trier, und wir mit ihr. Dazu gibt es als lauten Schock die Musik von Rammstein und die von Johann Sebastian Bach, der sich ja nicht mehr wehren kann, wenn seine Werke zur Untermalung von Sexszenen eingesetzt werden. Wer sich gerne eine Sammlung der unterschiedlichsten männlichen Geschlechtsteile anschauen möchte, sollte den Film nicht verpassen, vorausgesetzt, die »Stelle« ist in der Kinoversion noch enthalten.

Also dann zum zweiten Grund, zu anderen Ländern und anderen Zeiten. Die diesjährige Berlinale bietet auch eine einmalige Gelegenheit, japanisches Kino vom Stummfilm bis heute kennenzulernen. Am gleichen Tag wie »Nymphomaniac« lief im Forum die Dirnentragödie »Yoru no henrin« (The Shape of Night) von Noboru Nakamura aus dem Jahr 1964, einer Zeit also, in der japanische Filme als besonders »freizügig« galten. Zeitgemäß ist vor allem, dass in diesem Film die Frau als Opfer dargestellt wird. Aber das ist – im Gegensatz zu Lars von Trier – bis zum Schluss packend dargestellt. Da fehlt der Zuhälter-Freund nicht, der zulassen muss, wie seine Freundin von seinen Yakuza-Kumpanen vergewaltigt wird. Da tritt der verliebte Freier auf, der die Prostituierte retten will, ohne sich der Gefahr bewusst zu werden, in die er sich begeben würde. Das alles ist mit einer bewusst geführten CinemaScope-Kamera und mit dem originellen Einsatz von Farben gefilmt (der Film wäre auch ein Kandidat für die Farbfilm- oder die für die CinemaScope-Retrospektive vor Jahren gewesen).

In der diesjährigen Retrospektive »Ästhetik der Schatten. Filmisches Licht 1915–1950« werden eine ganze Reihe hierzulande meist unbekannter japanischer Klassiker vorgestellt. Wie zum Beispiel Masahiro Makinos Samurai-Musical »Oshidori utagassen« (Singing Lovebirds), das zwischen den düsteren Sexdramen optimistisch stimmte. Die einzig erhaltene Kopie ist leider unscharf und hat einen erbärmlichen Ton, aber wann sieht man schon einmal ein Samurai-Musical?

Es gibt natürlich noch einen dritten Grund, zur Berlinale zu fahren: die Filmstars. Doch darüber berichten wir in einem gesonderten Beitrag.

Claus Wecker/Rita Kratzenberg

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