Ben Atkins‘ »Stadt der Ertrinkenden«

Ben Atkins: Dronwning CityKrimikolumne: BLUTIGE ERNTE von Alf Mayer

Eigentlich unmöglich

Die Welt wälzte sich herum, um die Sonne anzublicken. Nach 255 Seiten kann der Erzähler Ben Atkins ruhig auch einen der berühmtesten Sätze Becketts variieren, ohne peinlich zu sein. Einen Abend und eine Nacht hindurch folgt sein Roman einem Ich-Erzähler durch eine in Gier, Doppelmoral und Verbrechen ertrinkende Stadt. Folgt einem Mann, der einmal gefragt wird: »Haben Sie eine Einladung?«, und darauf antwortet: »Nein, aber einen Namen.«
Fontana heißt er, auch Fonty, meistens Mr. Fontana. Er ist in dieser Nacht unterwegs, um einer verschwundenen Ladung Alkohol nachzuspüren, einem noch größeren Betrug und viel Verrat. Er watet durch einen Sumpf an Korruption, Gefahr und Lüge. Er ist kein netter Mann, nicht immer jedenfalls, und er trifft auf viele noch weit weniger nette Menschen. Mr. Fontana ist ein Gangster. Ein Ausputzer.
Die »Stadt der Ertrinkenden«, das ist ein Noir-Universum – die Filme, die Bücher, die wir kennen und schätzen und lieben, verdichtet zu einem Roman aus dem 21. Jahrhundert, unverstaubt, mit Wissen um die heutige und die damalige Welt, um ihre Schmiermittel. Geschrieben von einem blutjungen Neuseeländer, der 17 war, als die erste Fassung stand. Eigentlich eine Unmöglichkeit. Erschienen ist dieser bärenstarke, exzellent übersetzte Roman im neu gegründeten Hamburger Polar Verlag, der mit ausgesuchter Qualität Furore  macht. Verleger Wolfgang Franßen beweist auch mit Ben Atkins seine feine Nase.
Der eingangs zitierte Halb-Beckett-Satz geht weiter: »Das Universum blinzelte einmal, und am Ende war die einzige Spur unserer Existenz eine Ruine und das Gefühl, dass alles von Anfang an dem Untergang geweiht war. Viele Menschen schien das zu ängstigen. Ich fand es belebend. Es gab mir etwas, was über den Ängsten stand. Es gab mir zwar keinen Sinn, aber immerhin das Bedürfnis danach.«
Der Ich-Erzähler Fontana ist ein Noir-Held reinsten Wassers, seine Stadt – bei der es sich, verknüpft man die erzählerischen Indizien, wohl um das Chicago des 11. November 1932 handelt – ist die universelle Noir-Stadt, wie Hammett sie erstmals dem literarischen Kanon als »Poisonville« zugeführt hat. Diese Giftstadt, in der unsere Zivilisation samt ihrer hochgehaltenen und beständig unterlaufenen Moral sich gespiegelt findet, erschien erstmals in vier Black-Mask-Erzählungen vom Continental Op vom November 1927 bis Februar 1928, zusammengefasst dann 1929 als »Red Harvest« (Blutige Ernte) – eines der 100 wichtigsten Bücher des letzten Jahrhunderts. Im gleichen Jahr übrigens wie Döblins »Berlin Alexanderplatz«. Der Hammett-Liebhaber Fassbinder wird gewusst haben, warum seine Exzessiv-Verfilmung der Geschichte des Franz Biberkopf so ganz im Noir angelegt war.
Hammetts Poisonville hatte als realen Hintergrund die Bergindustriestadt Butte, Montana, wo er als Pinkerton-Detektiv in bis heute nicht ganz geklärte Counterinsurgency-Aktionen gegen streikende Arbeiter verwickelt war. Butte war zwischen 1860 und 1900 vom klassischen Zeltlagercamp zu einer Westernmetropole mit rund 100 000 Einwohnern gewachsen, an drei Eisenbahnlinien angeschlossen. Es war eine »weit offene« Stadt mit Saloons, Bordellen und Spielhöllen, Schauplatz aber auch von härtester Hand gegen streikende Arbeiter geführter Kämpfe. Die Gewalt in Hammetts »Red Harvest« mit 30 Toten liegt nicht weit von der Realität.
Auch Ben Atkins hat recherchiert und seine Hausaufgaben gemacht, sein Poisonville hat keinen Namen, nur den des Titels: »Drowning City«, die ertrinkende Stadt. Zum einen meint das den Alkohol, wer aber einen Volkshochschulroman über die Prohibitionszeit erwartet, liegt völlig falsch. Der eine oder andere Leser mag gar meckern, wie sehr er doch selbst Verbindungslinien ziehen und sich wirtschaftliche und politische Hintergründe aus dem Kontext erschließen muss. Hinweise auf ein die Wirtschaftskrise doch ganz anders anpackendes Europa, auf zu erwartende Beben, Hoffnungen und Katastrophen. Verschiedene Fraktionen herrschen in der Stadt, ein Wechsel im Präsidentenamt des Landes steht bevor, der Übergang der Macht von Hoover auf Roosevelt, das Ende der Prohibition und damit der Schmuggelmonopole stehen am Horizont, in Europa hofft die Wirtschaft auf den Faschismus. Überall die Nachwehen des Börsencrashs von 1929, die Auflösung alter Werte und Sicherheiten. Auch das Verbrechen wird sich neu aufstellen und organisieren müssen. Was und wie Atkins da als Zeitbild zeichnet, das ist eines zweiten Blickes wert.
Für Geld machen Menschen dumme Sachen, heißt es an einer Stelle. Für die richtige Sorte Mensch macht es keinen Unterschied, wenn sich die ganze Welt in Scheiße verwandelt, bekräftigt da ein Gangsterboss. »Wir sind nicht abhängig von der Börse. Wir verlassen uns nicht auf Banken oder Wechselkurse oder Darlehen. Wir verlassen uns auf das Laster. Wir leben von dem Umstand, dass die Menschen schwach sind. Wir ziehen unseren Vorteil daraus. Saufen wollen die Leute immer.« Dann setzt er hinzu: »Und manche Leute wollen immer, dass andere Leute sterben. Diese Bedürfnisse wird es immer geben.«
Ben Atkins Roman erinnert mich an die Unmittelbarkeit des frühen Hammett, ist alles andere als Pastiche, ist all den Fallstricken des Nachgeahmten entgangen. Eine frische neue-alte Stimme in der Stadt. Willkommen am Tresen des Noir. Und ein Hoch auf Wolfgang Framßen, einen Verleger, der sich etwas traut.

Alf Mayer
Ben Atkins: Stadt der Verlorenen.
Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Mit einem Nachwort von Alf Mayer. Hamburg: Polar Verlag, 2015. 278 Seiten, 14,90 Euro. http://www.polar-verlag.de/ben-atkins

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