»Begabt – Die Gleichug eines Lebens« von Marc Webb

Zank ums Wunderkind

Wohin mit hochbegabten Kindern? In diesem Drama streiten sich Onkel und Großmutter um das Wohl eines superschlauen kleinen Mädchens, das lieber als gemütlicher Durchschnitt leben würde, aber sein Licht nicht unter den Scheffel stellen kann. »Begabt – Die Gleichung eines Lebens« ist ein Film von hoher emotionaler Intelligenz

Seine befreundete Vermieterin Roberta (Octavia Spencer) hatte es befürchtet, doch Frank (Chris Evans) wollte nicht auf sie hören. Und so wird Franks zehnjährige Nichte Mary (Mckenna Grace), die er an Vaterstelle aufzieht und die er gegen ihren Willen auf die örtliche Schule schickt, gleich am ersten Tag auffällig. Lehrerin Bonnie (Jenny Slate) nimmt ihn zur Seite und vertraut ihm an, dass sie Mary für hochbegabt hält. Franks Versuch, seiner Nichte eine normale Schulzeit zu ermöglichen, geht also voll nach hinten los. Nachdem das kleine Mathematikgenie offiziell enttarnt ist, taucht jener Mensch auf, den Frank durch seine Bleibe in einem abgelegenen Küstenort in Florida weiträumig vermeiden wollte: Marys imposante Oma (Lindsay Duncan). Die wohlhabende Bostonerin will dem Kind jene Erziehung angedeihen lassen, die bereits Marys Mutter durchlaufen hatte. Frank dagegen möchte Mary vor dem Schicksal ihrer Mutter bewahren. Und so kommt es zu einem Sorgerechtsprozess, bei dem die reiche Großmutter bessere Karten hat als Bootsbauer Frank.
Dürfen auch Wunderkinder Kinder bleiben? Der Ansatz dieses Independent-Dramas, das in den USA ein kleiner Kassenhit wurde, ist unerwartet vielschichtig. Wo in Hochbegabten-Dramen wie »Good Will Hunting« die Intelligenz ihrer Helden erst entdeckt werden muss-te, ist es hier umgekehrt. Frank weiß nur zu gut Bescheid über die familiären Gene. Doch er hatte seiner Schwester versprochen, Mary eine unbeschwerte Kindheit zu bieten, statt sie dem Druck von Elite-Unis auszusetzen. Die Großmutter argumentiert dagegen, dass Mary ein Recht darauf habe, ihr Potential zu verwirklichen.
Ist aber ein Superhirn an der Uni glücklicher und »wertvoller« als, sagen wir, im Job eines Bootsbauern, der, ohne Krankenversicherung, in einer kleinen Bude lebt? Der Film scheint mit seinem heimeligen Südstaatenmilieu am Meer diese Frage klar zu beantworten. Allerdings fällt es der kindlich-rebellischen Mary viel schwerer, ihr Talent zu verbergen, als ihrem Onkel.
So steht die herzzerreißende Beziehung zweier Außenseiter, die sich gegenseitig stützen, im Zentrum. Das phantastische Zusammenspiel von Mckenna Grace als aufgeweckte, scharfsinnige Mary und Luke Evans (selbst mit Bart sieht »Captain America« unverschämt gut aus) als ihrem schwermütigen Beschützer beglaubigt die weiteren Entwicklungen. Denn der Film handelt auch davon, wie sehr Erwachsene ihre Lebensträume und Versäumnisse auf ein Kind projizieren und wie schwer es ist, über seinen Schatten zu springen. Was Mary selbst will und was sie braucht, ist vielleicht nicht dasselbe. Fraglos aber ist ihr die Patchworkfamilie mit Frank, der mütterlichen Roberta und ihrer Katze, dem einäugigen Fred, wichtiger als die Navier-Stokes-Gleichungen, deren nobelpreisträchtiger Lösung sich ihre Mutter verschrieben hatte. Doch ist das wahre Leben im falschen möglich? Die filmische Gleichung geht nicht ganz auf, denn die Probleme von hochintelligenten Kindern in ihrem sozialen Umfeld werden unterspielt. Umso erfreulicher ist das verhaltene Happy-End, in dem Plan und Leben gleichermaßen Raum zugestanden wird – q.e.d.

Gabriele Zimmermann
BEGABT – DIE GLEICHUNG EINES LEBENS
von Marc Webb, USA 2017, 101 Min.
mit Chris Evans, Mckenna Grace, Lindsay Duncan, Jenny Slate, Octavia Spencer
Drama
Start: 13.07.2017

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