Ausblick Theater Willy Praml gibt »Das Erdbeben von Chili« dreisprachig

Jenseits von Babylon

 

Flüchtlinge nun also auch in der Naxoshalle! Das Theater Willy Praml hat lange über die adäquate Form gedacht, das schwierige Thema aufzugreifen, ohne es zu instrumentalisieren oder sein künstlerisches Anliegen zugunsten eines sozialhelferischen Engagements hintan zu stellen, wie das vielerorts geschehen ist und geschieht. Ausgesucht für das Projekt wurde die Novelle »Das Erdbeben von Chili« von Heinrich von Kleist.

Das populärste Haus der freien Theaterszene Frankfurts wollte eigentlich eine Brücke zu  Berufskollegen unter den vielen Flüchtigen, zu Schauspielern, Musikern, Sängern schlagen, als es im Januar zu einem Gespräch über sein Vorhaben einlud. Unter den etwa 50 Leuten, die erschienen, fand man zwar nicht so viele Profis wie gedacht, dafür aber umso größeres Interesse. Bis zu sechs Mal in der Woche pilgern seither die rund 30 ausgesuchten Teilnehmer aus der ganzen Region ins Ostend zu den Proben eines Stücks, dessen Inhalt und Autor kaum einer oder eine gekannt habe.

Kleists 1806 entstandene Novelle hat Praml vor dem Hintergrund der Katastrophenerfahrung ausgewählt, die den beiden Protagonisten, Josepha und Jeronimo, auf wundersamsten Wegen für eine kurze Zeit das Paradies auf Erden beschert. Kleist erzählt die dramatische Geschichte einer aus Standesgründen geächteten Liebe, die nach der Geburt eines unehelichen Kindes für beide Liebende das Todesurteil nach sich zieht. Doch mit dem verheerenden Erdbeben fallen am Tag der Vollstreckung, der Jeronimo durch Selbstmord zu entgehen sucht, nicht nur die Kerkermauern. Die öffentliche Ordnung mitsamt ihren Funktionsträgers in Kirche und Staat wird zerschmettert. Es gibt nichts als das gerettete Leben für die Überlebenden im Tal vor der Stadt:  keine Hierarchien, keine Unterschiede, dafür aber grenzenlose Hilfe und Anteilnahme. Ein Garten Eden, bis sich die Menschen entscheiden, im noch stehenden Dom von Sankt Jago ihrem Gott zu danken. Es wird ein Gottesdienst, der mit fataler Konsequenz für die Liebenden in eine Hatz auf die vermeintlich Schuldigen des Unglücks umschlägt. Und wiewohl Kleist die Französische Revolution vor Augen hatte, verknüpfen sich seine Szenenschilderungen mit Erfahrungen der Teilnehmer, sei es die Flucht, seien es die Pogrome

Das multinationale Spektakel sieht nun 22 überwiegend im Chor, aber auch szenisch auf der Bühne agierende Darsteller, sowie acht Musiker vor. Dass nur vier Frauen dabei sind, ist – wie die nicht immer geradlinige Verständigung – wenig verwunderlich. Ein Dutzend Syrer arabischer und kurdischen Herkunft wirkt mit, Afghanen, Iraki, Iraner und Pass-Deutsche, darunter Jakob Gail, Birgit Heuser und Michael Weber aus dem Hausensemble.

Kleists Text liegt den Theatermachern in arabischer und persischer Übersetzung (Farsi) vor und soll in allen drei Sprachen umfänglich zur Geltung kommen, ohne bloße Wiederholung zu sein. Die von Michael Weber gefertigte Bühnenversion aus narrativen und dialogischen Passagen, geht auf unterschiedliche szenische Situationen, die das gleichrangige Mit- und Nebeneinander der Sprachen eröffnen. Auch wenn die Übersetzung von Kleists präzisem Deutsch Farsi oder im Arabischen nachgerade ausufernd erscheine, spiegelten sich seine Sätze ineinander wieder. Der dem Garten Eden geltende Mittelteil der Inszenierung werde über Kopfhörer als ein Hörspiel präsentiert, das die sprachlichen Grenzen zum Verschwinden bringen soll: eine explizit antibabylonische Erfahrung. Man müsse sich das wie in einer Oper vorstellen, wo eine wieder und wieder intonierte Aussage durch variierte Wiederholung nicht etwa redundant, sondern erweitert werde, meint Praml.

Für Flüchtige soll der Eintritt kostenlos sein und wünschenswerterweise durch Patenschaften gedeckt werden.

Winnie Geipert (Foto: © Rebekka Waitz)
 
Termine:  10., 12., 19., 22., 24., 25., 26., 29. und 30. Juni, jeweils um 20 Uhr
www.theater-willypraml.de
 

 

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