Ausblick Staatstheater Mainz: »Die Unverheiratete«

Männerteile auf Fotoschnipseln

Sieben Frauen sieht Ewald Palmetshofers Schauspiel »Die Unverheiratete« auf der Bühne vor: die drei Darstellerinnen der Generationenfiguren »die Alte« (Maria), »die Mittlere« (Ingrid) und »die Junge« (Ulrike) sowie vier Mitglieder eines dem antiken Theaterspiel huldigenden Chores mit dem hehren Namen »die Hundsmäuligen«. Männer müssen draußen bleiben. Von ihnen ist nur als Abwesende, Krüppel oder in Bruchstücken die Rede – darauf kommen wir zurück. Am Staatstheater Mainz bestreitet die Absolventin des Mozarteum Salzburg Jana Vetten ihr Regiedebüt mit dem Frauen- und Generationenstück des Österreichers.  Ihr zur Seite steht als Dramaturg übrigens Jonas Zipf, vor Jahresfrist noch Schauspielchef in Darmstadt.
Palmetshofer greift eine wahre Begebenheit aus einem Provinznest in Österreich unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf, die in einem zufällig belauschten Telefonat eines Soldaten gründet. Die junge Maria hört ihn von Fluchtplänen reden und meldet dies, was zur umgehenden Hinrichtung des vermeintlichen Deserteurs führt. Wenige Tage darauf im jetzt friedens- und demokratiegewendeten Land landet sie selbst als Denunziantin und Schande des Dorfes auf der Anklagebank und in zwölfjähriger Haft.
Das Stück steigt mit einem vermeintlichen Sturz der alten Maria, der sich später auch als noch missglückter Suizid betrachten lässt, und ihrer Überführung ins Krankenhaus ein. In den sich hier zwischen ihr, ihrer Tochter und der Enkelin entspinnenden Dialogen wird die alte Zeit wieder wach – mit allen schicksalhaften Folgen für das Trio. Nachdem die Oma Ulrike das eigene Tagebuch zuspielt, lernt diese entdecken, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Die Beiträge des Chores bringen die Außenwelt aus dem Gericht, dem Knast, dem Krankenhaus sowie im Dorf ins Spiel.
Die österreichische Variante der NS-Vergangenheitsbewältigung bleibt nur ein Nebenaspekt der auf die Mechanismen der sozialen Stigmatisierung und ihre Folgen zielenden Arbeit. Die lieblose Beziehung Marias zu einem Kriegsversehrten; ihr im Dorf geächtetes Kind als verhärmte, bindungsunfähige Frau; ihr lebensbejahender, doch auch bindungsunwilliger Enkel, der seine Männerbekanntschaften auf digitalen Fotoschnipseln von Genitalien im iPod festhält. In der Figur der Ingrid ruft Palmetshofer den Mythos der die Mutter richtenden Elektra wach. Auch wenn er seinen Text in Jelinek-artige Wortkaskaden ohne Satzzeichen und Großletter gießt, unterlegt er ihm doch eine an das antike Theater anlehnende Sprachrhythmik.
Jana Vetten nennt »Die Unverheiratete« ein musikalisches Stück, eine Sprachkomposition. Ihr Interesse gelte dabei der sich am Wahrheitsbegriff reibenden Erinnerungsarbeit und den Barrieren einer bei genauem Hinsehen nicht wirklich stattfindenden Kommunikation. Palmetshofer habe drei starke emphatische Figuren kreiert, die jeden zur Identifikation einladen. Mit der Nestorin Monika Dortschy und ihren zuletzt in »Verbrennungen« (Strandgut 12/2015) brillierenden Kolleginnen Andrea Quirbach und Lilith Häßle sind die drei Rollen spannend besetzt. Auch auf den Chor mit Ulrike Beerbaum und Leonie Schulz darf man sich freuen.

gt (Jana Vetten, © privat)
Termin: 27. Februar (Premiere), weitere Aufführungen im März
www.staatstheater-mainz.de

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