Ausblick Schauspiel Frankfurt: Fjodor Dostojewskis »Dämonen«

Schauspiel Frankfurt: DämonenNichts zum Kuscheln

Mit »Dämonen« präsentiert das Schauspiel Frankfurt jetzt die zweite der als Dostojewski-Trilogie angekündigten Romanbearbeitungen des russischen Autors. Nach Stefan Kimmig, dessen Dramatisierung von »Der Idiot« das Publikum – vorsichtig formuliert – polarisierte und sich nicht lange auf dem Spielplan hielt, setzt Oliver Reese mit Sebastian Hartmann erneut einen prominenten Theatermacher auf den Russen an. Und der, Hartmann, macht im Gespräch schnell klar, dass er nicht vorhat, den Frankfurtern einen angenehmen Abend zu bereiten: »Die Dämonen: Das ist kein Kuschelroman.«
Tatsächlich lässt Fjodor Dostojewki in seinem über 900 Seiten starken Werk aus dem Jahr 1872 die dominanten Strömungen des Geisteslebens seiner Zeit wie wilde Hunde aufeinander los. Jede der zentralen Figuren in dem nach den Übersetzungen vom Svetlana Geier auch »Böse Geister« titelnden Roman verkörpert eine politische Ideologie, wobei – wie schon in »Der Idiot« – die Auseinandersetzung mit dem Nihilismus im Fokus steht. Was im ersten Moment theoretisch-akademisch klingt und von vielen als ein prophetischer Blick auf die Mechanismen der totalitären Systeme des 20.Jahrhunderts – eine Blaupause meint das Schauspiel Frankfurt – gepriesen wird, ist freilich auch ein Atem raubender blutiger und hochkomplexer Politkrimi, der fast alle Beteiligten zur Strecke bringt. Es geht hoch her. Und es lässt tief blicken.
Tief blicken lässt aber auch Sebastian Hartmann, dem gleich ein Zitat vom Mystiker Meister Eckhart: zum Thema einfällt: »Wenn du deinen Frieden gemacht hast, sind die Dämonen, die dich umgeben, in Wirklichkeit Engel.« Von einem solchen Zustand seien wir heute doch ziemlich entfernt, weist der 1968 in Leipzig geborene Ex-Intendant des dortigen Staatstheaters auf das zum globalen Konsumenten konvertierte Individuum in der Moderne. Kultur, Heimat, Religion und Familie, all das sei nicht mehr viel wert. Selbst der nun 70 Jahre in Westeuropa währende Friede nicht. Hartmann sieht die Figuren in Dostojewskis unheilvollem Gesellschaftsgemälde in vielen Belangen in einer der unseren gar nicht so fremden Situation. Sie agieren und reagieren in einer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft, die wankend ins Ungewisse taumelt – vielleicht sogar in ihren Untergang.
Es sei dem Genius Dostojewskis geschuldet, dass er seine bestechend klaren Analysen der objektiven Bedingungen mit tiefen Einsichten in die psychische Verfasstheit der Menschen zu verbinden wisse, die sich zu diesen zu verhalten versuchten. Nichts sei hier im Stile eines Thomas Mann bis in die letzte Silbe ausgetüftelt. Stattdessen treibe dieser Autor wie von einem permanenten Fieber gepackt die Kämpfe und das Ringen seiner Protagonisten mit sich und der Welt von innen her und in einer Weise voran, die den Leser in die Lage versetzten, deren Handeln und Denken nachzuempfinden.
Auf der Bühne will Hartmann diese in Gewalt, Manipulation und Unterdrückung mündenden Prozesse spiegeln, indem er sich ganz auf die Haltungen konzentriert – und alles, was davon ablenken könnte, radikal streicht. Es werde keine Namen geben, keine erkennbare historische Situation, nicht einmal einen wirklichen Ort. Ein abstrakt gehaltenes Konstrukt, das den Riss eines barocken Baus mit dem einer Kate verbinde, werde in permanenter Bewegung als eine Art »Un-Ort« die wechselnden Schauplätze darstellen. Wer die literarische Vorlage kenne, werde keine Schwierigkeiten haben, Nikolaj Stawrogin und Co., aber auch die Handlung zu identifizieren.
Zwei Wochen vor der Premiere am 30. Januar weiß der »Teamplayer« indes noch nicht wirklich, wo die Reise, auf die er mit seinen Schauspielern gegangen sei, genau enden wird. Michael Benthien, Isaak Dentler (Foto u. l.), Heidi Ecks, Vincent Glander, Manuel Harder, Paula Hans (Foto u. r.), Franziska Junge, Christoph Kuchenbuch und Linda Pöppel sind mit dabei. Und drei Musiker der Gruppe Apparat, die das Geschehen live begleitet. Derzeit sieht es so aus, als würde Dostojewskis Elefant in knapp vier Stunden über die Bühne gewuchtet. Für Hartmann ein eher kürzeres Stück.

Winnie Geipert
Termine: 18., 19., 20. 28. Februar, jeweils 19 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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