Schauspiel Frankfurt: Bastian Kraft inszeniert »Schuld und Sühne«

Mörderische Gedanken

Jetzt also Rodion Raskolnikow! Mit »Schuld und Sühne«, dem ersten der fünf so genannten Elefanten des russischen Genius, schließt die Dostojewski-Trilogie des Frankfurter Schauspiels. Bastian Kraft wird den Roman in einer eigenen Bühnenversion inszenieren. Der mit 35 Jahren noch junge, aber schon deutschlandweit gefragte Regisseur hat im Kammerspiel des Hauses mit Arthur Schnitzlers »Traumnovelle« (großartig!) und mit Patricia Highsmiths »Der talentierte Mr. Ripley« (läuft noch!) schon sein Können demonstriert. Mit leichter Hand, sicher, virtuos, verspielt – und mit originellen Bühnenbildern von Ben Baur, der nun auch auf der großen Bühne sein Partner ist.
Für Spannung ist dennoch gesorgt, nicht zuletzt durch die Arbeiten seiner renommierten Trilogie-Vorgänger Stephan Kimmig und Sebastian Hartmann, deren gewaltige Szene- und Bildcollagen zu »Der Idiot« und »Dämonen« unbeachtet ihrer Regiequalitäten nicht eben zu Publikumsrennern wurden. Da half auch das phantastische Ensemble nichts: Jeweils auf um fünf Stunden angelegt, wurden ihre Aufführungen mit der Zeit deutlich geschrumpft.
Bastian Kraft schätzt, dass er »Schuld und Sühne« in drei Stunden über die Bühne bringen wird, hält den Roman aber auch für den kompaktesten unter den großen Werken von Fjodor Dostojewski. Dank seiner scharf konturierten Charaktere und einer zugespitzten Fragestellung, die sich in allen Episoden und Figuren spiegle, sei der Text für die Bühne sehr geeignet. Tatsächlich ist die Geschichte des Mannes, dessen innere Zerrissenheit Dostojewski in seinem Namen (»der Gespaltene«) manifestiert, derzeit nicht nur in den großen Theatern en vogue (München, Hamburg), sie inspirierte sogar Woody Allen zu seinem neuesten Film »Irrational Man«.
Der Protagonist Raskolnikow ist ein arbeitsloser Akademiker, der sich berufen weiß, die Welt von einer Unperson, einer Wucher treibenden Pfandleiherin, zu befreien – und gegen alle Selbsteinschätzung von seinen fiebrigen Gedanken zugrunde gemartert wird. Es ist ein Krimi, ein Psychothriller, aber auch ein dramatischer Liebes- und Erlösungsroman. Ausgerechnet einer Gläubigen gelingt es, dem Gottesleugner in das geleugnete Gewissen zu reden: Sonja, ein sich für ihre Familie prostituierendes Mädchen, das später seine Lebensgefährtin sein wird.
Bastian Kraft will sich dem Roman von der psychologischen und philosophischen Seite nähern und seinen Fokus auf die inneren Kämpfe der Hauptfigur legen. Was Raskolnikow wirklich erlebe und was er phantasiere, lasse Dostojewski seltsam unbestimmt, beschrieben werde das Heranreifen der Tat in einem überhitzten Gehirn. Diese Gedankenwelt will Kraft auf der Bühne spiegeln: Wie im Schleudergang konfrontiere sich der Protagonist dabei mit den verschiedensten Positionen zu seiner Tat. Selbst der Mord sei ihm letztlich nur ein Mittel, mehr über sich zu erfahren.
Dass der Text über philosophisch-politische Bögen hinaus, die sich von Nietzsche bis Putin spannen lassen, aktuell ist, steht für Kraft außer Zweifel: »Die Brückenschläge zu heute sind so nah, dass man sie praktisch immer mitdenken muss«. Es gehe um das Ungenügen des Vorhandenen und die Sehnsucht nach einem neuen Gedanken. Um die Frage, welcher Werte es in einer von allen Fesseln befreiten Gesellschaft bedarf. Was Raskolnikow etwa über die Pfandleiherin denke, sei eng verwandt mit dem, wie Occupy über die Boni von Bankern diskutiere.
Mit Nico Holonics ist die Hauptrolle prominent und nicht eben überraschend besetzt. Dass Corinna Kirchhoff die Rolle der Sonja übernimmt, erstaunt dagegen, erhellt aber auch die Sicht von Bastian Kraft. Sonja sei nicht nur das sich aus Not prostituierende Mädchen, sondern auch die Frau, die mit Rodion alt werden wird, findet er. Und als seine Retterin sei sie auch eine Heilige. Torben Kessler, Oliver Kraushaar, Christoph Pütthoff und Lukas Rüppel treten Raskolnikow als dessen innere Stimmen gegenüber und übernehmen im Wechsel alle anderen Rollen.

Winnie Geipert (Foto: © privat)
Termine: 15. (Premiere), 17., 21., 25., 27., 29. Januar, 19.30 Uhr
www.schauspiel-frankfurt.de

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