Ausblick Landungsbrücken: »Der Gang vor die Hunde«

© LandungsbrückenMoralisten haben verloren

Im Gutleutviertel eröffnen die Landungsbrücken die neue Theaterspielzeit (Motto: »aus Gründen«) mit einem Kinderbuchautor. Erich Kästner wird gegeben, doch mit seinem einzigen, 1931 erschienen Zeit- und Erwachsenenroman: »Der Gang vor die Hunde«, der unter diesem Wunschtitel des Autors aber erst vor zwei Jahren erschienen ist. Sein Verlag brachte stattdessen das Werk mit einigen den Zeitläufen geschuldeten entschärfenden Eingriffen unter »Fabian – Die Geschichte eines Moralisten« heraus. Verboten und verbrannt wurde es unter den Nazis trotzdem.
Kästners herrlich unkomplizierter, flüssiger Text hat kein bisschen an Witz und an Delikatesse eingebüßt. Als Entdeckung für den Neuleser dürften sich besonders Kästners gestochen scharfer Blick und das engagierte innere Ringen seines Protagonisten mit den Verhältnissen erweisen. Fabian würde sich heute nicht sehr viel anders fühlen, seinen Pessimismus eingeschlossen.
Erich Kästner hat seinen »Gang vor die Hunde« als ultimative Diagnose der deutschen Befindlichkeit verstanden. Einen »Zerrspiegel« nennt er später seine Schilderungen um den zunächst vorzüglich nachts durch Berlins Submilieu streifenden Werbetexter Jakob Fabian, der eine sich rettungslos desolat präsentierende Gesellschaft nur noch zynisch zu betrachten vermag. Bis das Aufflammen einer nicht mehr für möglich gehaltenen Liebe ihn dann doch nach Sinn und Halt suchen lässt. Aber Moralisten haben 1931 schon verloren.
Für die Inszenierung der Landungsbrücken steht die extrem stilisierte und mit sprachlicher Finesse vollzogene prophetische Zustandsbeschreibung eines Landes und seiner Bewohner  im Fokus, die allem gewahr zu werden scheint, was sich dort bald an Abgründen auftun sollte. Es seien ja keine Aliens gewesen, die das faschistische Terrorsystem getragen hätten, betont Linus König, der in seiner Inszenierung Kästners Technik der radikalen expressionistischen Zuspitzung folgen will. »Ein schrilles Panoptikum an durchgeknallten Figuren, skurrilen Situationen und aberwitzigen Umständen, die dabei aber seltsam alltäglich wirken«, kündigt die Homepage der Bühne an. Die sich schon bei der Lektüre aufdrängenden historischen Parallelen hält König indes für derart evident, dass er auf Aktualisierungen weitgehend verzichten will.
Christoph Maasch und Sebastian Huther, die beide Mitglieder der Dramatischen Bühne sind, teilen sich mit Marlene Zimmer und Iris Reinhardt Hassenzahl in ständigem Wechsel alle Rollen der Stückfassung – bis auf die des Fabian. Dessen Rolle als ein außenstehender Beobachter werde vom Landungsbrückenkollegen und Laiendarsteller Felix Biske übernommen.
Da kündigt sich doch ein Kontrastprogramm zum Biberkopf-Start des Schauspiels an. Und was dort den Tiger Lillies vorbehalten ist, das macht, wie es zwei Wochen vor der Premiere aussieht, standesgemäß in den Landungsbrücken der Punk.

Winnie Geipert
Termine: 11., 12., 20. September, 20 Uhr
www.landungsbruecken.org

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