Ausblick Freies Schauspiel Ensemble: Neues vom ganzen »Faust«

Kopfgeburten à deux

Im Bockenheimer Titania will das Freie Schauspiel Ensemble die mythischste Theaterfigur Deutschlands, Johann Wolfgang von Goethes Dr. Heinrich Faust, von allem magischen Brimborium befreien, mit dem ihn der Frankfurter Autor versah. Nicht Zaubertrank, noch Hexenritt, noch griechische Götter sollen seinen Parforceritt fördern. »Unser Faust ist durch und durch irdisch«, bekräftigt Regisseur und Haus-Meister Reinhard Hinzpeter. Schließlich könnten alle Figuren, denen Faust im Laufe des Stücks begegnet, auch als Spiegelungen seiner selbst betrachtet werden. Vom wissenschafts- und fortschrittsgläubigen Famulus Wagner, der Faust in jungen Jahren selber war, bis zu dem auf Krawall und Zerstörung gebürsteten Zweifler Mephisto als finstere der beiden Seelen in seiner Brust – wenn es nicht gar mehr sind. Selbst die junge Margarete, Gretchen, ist so gesehen nur eine Projektion, die Fausts Sehnsucht nach Reinheit und Unschuld in einem festen Weltbild des Glaubens verkörpert. Kopfgeburten eines fiebernden Hirns allesamt.
Tatsächlich sei nicht einzusehen, weshalb ein redegewandter Galan auch älteren Datums ein Zaubermittel brauchen sollte, um ein schlichtes Gemüt mit Geld und Komplimenten so zu beeindrucken, dass es alles vergisst, was ihm bisher hoch und heilig war, meint der Bockenheimer Theatermacher. Die Perfidie dieses Verhältnisses liege nicht allein darin, dass der egozentrische Blender im Nu das Interesse an der Gefallenen verliere, sondern auch jeder Verantwortung entsage. Das Schicksal des Mädchens lasse sich problemlos ins Heute übersetzen.
Ganz von dieser Welt sind aber auch die ökonomischen Interessen, die Faust im zweiten Teil des Werkes verfolgt. Die dort dem maroden Kaiser angebotene Neuschöpfung von Geld nehme die Finanzpolitik eines Draghi vorweg, Fausts über die Leichen von Philemon und Baucis gehende Bodenspekulation sei gängige Sanierungspraxis. Ist diese rücksichtslos egozentrische Figur in all ihrer Unmoral nicht die Inkarnation des entfesselten Liberalismus?
Um das herauszufinden, lasse Inszenierung denn auch die chronologischen Stationen der Tragödie außer Acht, kündigt Hinzpeter an. Im Fokus der Inszenierung stünden allein die Charaktere der Protagonisten. Ohne feste Rollenzuschreibung kommt die Aufführung mit nur zwei Schauspielern (Bettina Kaminski, Axel Gottschick) aus. Der Regisseur lässt keine Zweifel daran, dem meistbehandelten Stoff auf deutschen Bühnen neue inhaltliche Dimensionen abringen zu können.

gt (Foto: © FSE)
Termine: 23., 24. November, 19.30 Uhr; 12., 18., 19., 25. November, 20 Uhr
www.freiesschauspiel.de

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