Art Foyer der DZ-Bank: »Zurück in die Zukunft der Fotografie«

Schattentänze im Mündungsfeuer

Back to the Future. Wie das DAM (siehe S. 28) so lehnt sich jetzt auch das Art Foyer der DZ-Bank an den Titel der Science-Fiction-Komödie aus den Achtzigern an. Für das zeitgenössische Fotografie sammelnde Haus drückt »Zurück in die Zukunft der Fotografie« eine künstlerische Besinnung auf die vordigitalen Techniken des Genres aus, auf das Handwerk im analogen Vorhof der Photoshops. In den zirka 60 Arbeiten der Schau setzen sich 14 internationale Fotokünstler mit den verschiedensten Wegen und Materialien der Bildgewinnung auseinander, von denen es viele – man denke nur an Rollfilme – kaum oder nicht mehr gibt. Aber das hat man ja auch vom Vinyl gesagt. Fotokameras spielen dabei kaum eine Rolle.
Am spektakulärsten geht dabei die 29 Jahre alte Münchnerin Helena Petersen vor, indem sie die metaphorische Wendung vom Bilder-Schießen beim Wort nimmt. Ihre schon vor fünf Jahren eingeläutete Serie »Pyrographie« entstand in einer völlig abgedunkelten Schießanlage, wo sie das Mündungsfeuer einer Schießwaffe zur Belichtung von empfindlichem Fotopapier nutzte. Die in Sekundenbruchteilen geballte explosive Entladung des Schießpulvers hat sich in Formen, Farben aber auch haptisch spürbar in Rissen und Perforierungen visualisiert, die die bei der Vorstellung anwesende Meisterschülerin von Leiko Ikemura als »Verletzungen« bezeichnet. Diese Penetrationen des Materials seien das Erste, das sie nach dem abgefeuerten Schuss noch im Dunkel mit der Hand ertaste, erläutert sie. Bei aller notwendigen akribischen Vor- und Nachbereitung bleibt der künstlerische Akt ergebnisoffen und ein unwiederholbares Zufallsprodukt. Eines davon, mutet wie ein nächtlicher Blick aus dem Flugzeugfenster an. Was man für liladunkle Wolkenfetzen halten mag, sind Schmauchspuren des Schusses. Ein anderes Bild lässt an einen bunt bestreuselten Krokant-Becher im Eiscafé Christina denken. Jeder Schuss ist ein Unikat.
Petersens Bilder, es sind sechs, gehören zu den jüngsten der Schau und sind der Abteilung »Abstraktion« zugeordnet. Das älteste aus dem Jahr 1965 findet sich unter »Porträt« und stammt von Floris M. Neusüss. Sein Titel »Tanz« ist selbsterklärend, scheinen darauf doch drei Weiß auf Schwarz dargestellte Schattenpaare wie aufgedrehte Rock-’n-Roller schwerelos durch den Raum zu wirbeln. Neusüss hat für sein Fotogramm die Darsteller liegend auf Fotopapierbögen positioniert und dann direkt, sprich: ohne Kamera belichtet. Schon im 19. Jahrhundert, so erfährt man im fein aufbereiteten Begleitheft, seien auf diese Weise Konturen und Strukturen von Blättern und Pflanzen dokumentarisch archiviert worden. In der dritten und vierten Abteilung werden »Landschaft« und »Die Kamera als Raum« thematisiert.
Der US-Amerikaner Jeff Cowen bearbeitet seine Negative in teilweise Wochen dauernden Prozessen mit Entwicklerflüssigkeit, anstatt sie hineinzulegen. Wie entrückt, ungreifbar, blickt uns sein den iranischen Filmstar Golshifteh Farahani zeigendes Porträt als Silbergelatineabzug an. In unmittelbarer Nachbarschaft irritiert der Däne Torben Eskerod, der seine nach einer Überschwemmung von Schimmel angefressenen Porträts fotografisch aufbereitet hat. Über die Genannten hinaus werden Arbeiten von Dieter Appelt, Thomas Ruff, Karl Martin Holzhäuser, Raphael Hefti, Max Mayer, Timo Kahlen, Alexander Endrulat, Barbara Probst, Susa Templin, Thomas Ruff und Jürgen Klauke gezeigt. »Zurück zur Zukunft der Fotografie« eröffnet zugleich eine Reihe, die im Frühherbst mit dem Blick nach vorne auf die digitale Fotokunst fortgesetzt werden soll.

Lorenz Gatt (Foto: © Cowen)
Bis 27. August: Di.–Sa. 11–19 Uhr
www.dzbank-kunstsammlung.de

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