Angelika Klüssendorf: April

Angelika Klüssendorf (Foto: Alex Reuter)Die im Dunkeln sieht man nicht

»April« – der zweite Teil von Angelika Klüssendorfs Chronik aus dem beschädigten Leben

Mit »Sehnsüchte«, 1990, fing die Karriere der Erzählerin Angelika Klüssendorf an. Sie war 1985 aus der DDR nach West-Berlin gekommen und hatte einige Hypotheken in ihrem schweren Gepäck, von denen sie sich offenbar schreibend, in immer neuen Anläufen, zu befreien suchte. In diesem Jahr ist sie Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim. Mit »Das Mädchen« (2011) kam sie bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Sie beschreibt in diesem Buch die Kindheit und Jugend eines Mädchens, das in Verhältnissen lebt, die man gerne unbeschreiblich nennt. Ein Milieu, das es in der verblichenen DDR gar nicht geben durfte. Hier hat sich das Mädchen buchstäblich durchgeschlagen. Und hier geht es nun weiter.

Sie ist achtzehn, nennt sich April und wird mit hundert Mark und der Zuweisung eines Zimmers zur Untermiete „ins Erwachsenenalter entlassen“. Hinter ihr liegen eine Kindheit mit einer brutalen, gewalttätigen, Mutter, einem versoffenen Vater und eine mindestens genauso schwierige Jugend in einem staatlichen Erziehungsheim. Im Leipzig der späten siebziger Jahre soll sie sich jetzt als Bürohilfskraft selbst durchschlagen. Ein paar Wochen hält sie das aus. Dann zieht sie mit ihrer alten Clique und neuen Freunden wieder durch die Kneipen. Sie säuft und kokst bis zur Bewusstlosigkeit und liebt es, mit Männern in fremden Betten zu kämpfen, »um sich zu schlagen, zu kratzen, zu beißen, bis ihre Körper ermattet nebeneinander liegen«. Nach einem Selbstmordversuch lernt sie Hans kennen. Er studiert Choreographie. Zu ihm fasst sie Vertrauen, er gibt ihr Halt. Ihm erzählt sie von ihrem bisherigen Leben. »Das sind harte Geschichten, sagt Hans (…) Gab es auch was Schönes?« »Ich war immerzu wütend als Kind, sagt sie. Ich habe vor Wut keine Luft gekriegt.« Als April schwanger wird, drängt es sie, nach Jahren ohne Kontakt, fast zwanghaft zu ihrer Mutter. »Warum hast du nicht abgetrieben, fragt sie und deutet auf ihren Bauch, wird doch sowieso nur ein Krüppel.« April wird klar, dass sie wohl nie »frei von dem Schatten« dieser Frau sein wird. Hans ist auch dann verständnisvoll, »wenn sie tobsüchtig wird, Geschirr an die Wand wirft, alles kaputt machen will. Er zieht sie aus dem Scherbenhaufen hoch … Wir sind eine Familie, sagt er, tu nicht immer so, als wärst du allein.« April träumt von einem normalen Familienleben, aber genau das schafft sie nicht. Sie prügelt zwar den kleinen Julius nicht, schließt ihn nicht in den Keller ein, aber sie liebt ihn nicht, vernachlässigt ihn, kann ihm keine Geborgenheit geben. Hans ist die einzige verlässliche Person für ihn. Sie stellen mehrere Ausreiseanträge und erleben sofort die entsprechenden Schikanen. Hans verliert seinen Studienplatz. Schon vorher leiden sie an der Trostlosigkeit, der Langeweile und den Mauern um den real existierenden Sozialismus. Wo man angeblich durch Solidarität aufgefangen wird, erleben sie nur Zynismus. Nach zwei Jahren dürfen sie endlich nach West-Berlin ausreisen. Aber es ändert sich nichts. April weiß, dass sie »die große Kaputtmacherin« ist, als sie sich von Hans trennt. Einer der wenigen Lichtblicke im Leben von April ist ihre Leidenschaft fürs Lesen. Sie verschlingt alles, was ihr in die Hände kommt, versucht sich auch selber an Gedichten und kleinen Geschichten. Es ist eine Überlebensstrategie, ähnlich der von Angelika Klüssendorf, die, wie sie in einem Interview sagt, in »ihrer eigenen Kindheit und Jugend gewildert« hat. Für ein Leben, das aus Armut, Gewalttätigkeit und Alkoholismus besteht, hat sie eine einfache, schnörkellose, manchmal mitleidlos klare Sprache gefunden. Sie schreibt in der Gegenwart. Das Präsens zeigt die Nähe zu ihren Figuren. Nichts ist vergangen. Am Ende des Buches, April ist inzwischen Mitte zwanzig, erhält sie die Nachricht, dass sie ein Literaturstipendium bekommen wird. Ein Hoffnungsschimmer in all der Ausweglosigkeit? Das jetzt vorliegende Werk der gegenwärtigen Stadtschreiberin kann diese Annahme stützen.

Sigrid Lüdke-Haertel
Angelika Klüssendorf: »April«.
Roman.
Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2014, 219 S., 18,99 €

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