Am Staatstheater Darmstadt
lohnt das »Warten auf Godot«

Staatstheater Darmstadt: »Warten auf Godot. Foto: Robert SchittkoTramps wie du und ich

Zuletzt gab es »Warten auf Godot« in der Region vor drei Jahren als Flüchtlingsdrama von dem sich und sein Publikum migrantisch nennenden Ensemble Theaterperipherie zu sehen. Dessen Interpretation von Samuel Becketts 1948/49 verfasstem Stück galt die Verabredung der Landstreicher Estragon und Wladimir einem Schlepper und Schleuser. In Darmstadt wird der Klassiker des Absurden Theaters jetzt pur gegeben, ohne Deutungsfolien und Winke mit dem Scheunentor. Und ohne Schnickschnack. Regisseur Niklaus Helbling lässt wenig mehr als den Text des Werkes sprechen und serviert diesen in zwei Akten, wie vom Autor gewollt. Der Rundschau-Kritikerin Judith von Sternburg kam das jedenfalls so vor, als würde »Warten auf Godot« zum allerersten Mal inszeniert. Freilich von einem, der’s kann.
Seine Ehrfurcht vor der Sprache Becketts hat Helbling schon bekundet, als wir hier über die Probephase berichteten (Strandgut 4/2015). Wenn man in der Inszenierung eine spezielle Lesart, eine Regiehandschrift  erkennen will, dann findet sich diese in der Stilisierung der beiden in die Jahre gekommenen Tramps. Gogo und Didi schöpfen in ihrer bisweilen kindischen Art, die Zeit mit Witzen und Spielen totzuschlagen, aus einem tiefen Fundus kabarettistischen Know-hows, darunter ein mit Ragtime untermaltes Tänzchen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die beiden sich sehr bewusst sind, im Niemandsland beobachtet zu werden.
Apropos Niemandsland: Jürgen Höths stimmungsvolle Bühne lässt uns auf ein großflächig bemaltes Himmelplakat schauen, das je nach Tageszeit farbbelichtet wird. Aus dem von lose aufgeschichteten Brettern, Platten und Planen bedeckten Boden ragt ein Mitleid erregendes Baumskelett der Sorte Ein-Aster. Das zwingend vorgeschriebene Gewächs rotiert in Super-Slowmo und stellt, wenn es nicht doch unterirdisch von Hand betrieben wird, den Gipfel an Technikeinsatz dar.
Christian Klischat, der hier schon als Carl Bovary zu sehen war, legt seinen Estragon fast rattig an, wenn er dessen dominanten, aber auch bemühten Lebenspartner Wladimir (Götz von Ooyen) immer wieder ins Leere laufen lässt. Die beiden machen das großartig. Hubert Schlemmer gibt als Herrenmensch Pozzo im dicken Kamelhaarmantel den Protz- und Kotzbrocken, und Christian Bayer verdient sich als sein Diener Lucky mit seinem Nonsens-Monolog den fälligen Szenenapplaus. Kaum zu glauben, dass das der schlaffe Romeo aus der Shakespeare-Inszenierung des Hauses ist.
Wie ein Theaterspiel auf einen wirkt, hängt oft auch von der Verfassung ab, in der man es sieht. Einen Abend nach dem alle Sinne (und Nerven) malträtierenden Frankfurter Light-und Sound-Bastard von Dave-St-Pierres »Macbeth« (Strandgut 5/2015), fühlt man sich wie ein wohlig empfangener reuiger Heimkehrer. Das mag absurd anmuten bei einem absurden Stück über die Sinnlosigkeit der Existenz. Sei‘s drum: Mit Estragon und Wladimir lohnt sich das Warten auf Godot, auch wenn der Angesagte, so viel sei verraten, sich erneut nicht blicken lässt. Leider nur noch zwei Mal in dieser Saison.

Winnie Geipert
Termine: 21. Juni, 19. Juli, 19.30 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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