Kommunismus oder was? (70)

Der Vordenker der Occupy-Bewegung, David Graeber, singt in seinem Buch »Schulden« das hohe Lied des Kommunismus. Er erzählt von einem Goldenen Zeitalter »als Saturn die Welt regierte, bei urzeitlichen Jägern und Sammlern«, geborene Kommunisten wie wir alle, weil sie sich in der Not gegenseitig halfen.

Dann kam der Sündenfall: Arbeitsteilung und Privateigentum.

Graeber ist Anthropologe und sollte wissen, daß in besagtem Goldenen Zeitalter die Leute ganz schlechte Zähne hatten, daß es sehr wohl Arbeitsteilung gab (z.B. die zwischen Männern und Frauen) – und auch Privateigentum (alles, was in der Höhle war, gehörte den dort Wohnenden).

Graeber definiert Kommunismus wie Marx: »Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen«. Diese Definition ist weit mehr als eine Gleichsetzung von Kommunismus mit Solidarität. Sie ist ein Modell zur Güterherstellung und -verteilung, aus welcher Leidenschaft und Ambition herausgerechnet sind. Da Güter knapp sind, kann nicht jedes Bedürfnis erfüllt werden. Und da die Ressourcen knapp sind, kann nicht jeder nach seinen Fähigkeiten eingesetzt werden. Wer entscheidet dann, wer was bekommt und wie man seinen Fähigkeiten gemäß arbeitet? Ein Kollektiv? Und was ist, wenn ein guter Zimmermann unbedingt einen Roman schreiben will, die Gemeinschaft aber dringend einen Zimmermann braucht?

An die allen Individuen unterstellte ›Einsicht in die Notwendigkeit‹

glaubte nicht einmal Marx. Voraussetzung sei der ›Neue Mensch‹, ein Erziehungsproblem also – zur Not auch gerne mit Gewalt.

Graeber behauptet, daß hierarchische Kommandoketten »nicht sonderlich effizient sind« – und ignoriert, daß alle Kommandoketten oder Kooperationen vom Einfallsreichtum und der Kooperationsbereitschaft ihrer Teilnehmer abhängen – und nicht von der demokratischen Verfaßtheit ihrer Gruppe. Höchst erfolgreiche Beispiele demokratischer Kooperationen sind für Graeber ›Apple‹ (wo aber bekanntlich Steve Jobs das Sagen hatte) – oder die »Computeringenieure, die in den achtziger Jahren IBM verließen und sich in kleinen, demokratischen Zirkeln (…) zusammenschlossen, um mit ihren Laptops in Garagen zu tüfteln«.

Mit ihren Laptops? In den Achtzigern?

Hierarchische Kommandoketten haben übrigens den Vorteil, daß die Machtverteilung formell geregelt ist – also jeder genau Bescheid weiß, wo er steht. In Kooperationen ist die Macht nur informell verteilt. Es gibt zwar immer einen Boß, der kann aber nicht offen, sondern nur hintenrum operieren. Deswegen sind Kollektive häufig Brutstätten von Intrigen und Verrat. (Und ich weiß, wovon ich spreche.)

Selbstverständlich existiert derlei auch in hierarchischen Strukturen.

Es gibt demnach keine perfekte Welt, es gab nie ein ›Goldenes Zeitalter‹ – und es wird voraussichtlich nie eines geben.

Kurt Otterbacher

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