Alles Porno oder was? Zwei Ausflüge mitten ins Leben

Einer seiner ewigen Verdienste wird es bleiben, dass er als 17-jähriger Schüler zusammen mit Milan Pavlovic 1982 die Filmzeitschrift »steadycam« gegründet hat. Der Name feierte ein komplexes Halterungssystem für tragbare Kameras, das einem frei beweglichen Kameramann absolut verwacklungsarme Bilder ermöglicht. Die Kamera kann sich elegant im Raum bewegen, sie schwebt und gleitet – und unsere Augen mit. Den Bildersog eines Films und seine Eleganz erhöht das beträchtlich. John G. Avildsens »Rocky« (1976) war einer der ersten Einsätze für die Steadycam, Niklaus Schilling drehte hierzulande damit fast den kompletten »Willy-Busch-Report« (1979; Kamera: Wolfgang Dickmann), Kubrick glänzte mit »Shining« (1980). Auf gewisse Weise hat der dann zum Fernsehreporter gewordene Philip Siegel es verstanden, dieses Prinzip in seinen Journalismus zu übertragen. So wie uns eine Steadycam scheinbar mühelos mitten in einen Boxkampf oder etwa am Ende eines Fußballspiels zu den Akteuren auf dem Spielfeld bringt und wir ihre Emotionen direkt mitbekommen, so führen uns seine Texte und Recherchen ungefiltert nahe an gewisse Wirklichkeiten heran. »Drei Zimmer, Küche, Porno« eben.
Das erfreulich unverklemmte Buch ist das ziemliche Gegenteil dessen, was der – in Sprache und Haltung – vor kurzem im Hanser-Verlag erschienene distanzierte Milieu-Ausflug »Rotlicht« von Nora Bossong zu leisten vermag. Philip Siegel fragt direkt und ohne Umschweife nach, warum immer mehr Menschen in die Sex-Branche einsteigen. Er fragt es, während sie es tun. Mit über 100 Männern und Frauen hat er unmittelbar bei Pornodreharbeiten geredet, berichtet davon in vielen Reportage-Vignetten. Etwa aus dem Keller eines Nachtclubs, der für einen Abend zur Pornofabrik wird: 28 Profi-Amateure treffen auf 120 sogenannte User, es entstehen 58 Clips fürs Internet.
Das Buch ist die Fortführung und Zuspitzung seiner ersten großen Recherche,  »Porno in Deutschland – Reise durch ein unbekanntes Land« (2010), von den großen Buchverlagen abgelehnt und dann im Münchener Kleinverlag Belleville erschienen. Dieses Mal sind es die Pornoamateure, die er aufsucht, denn kein anderes Filmgenre hat sich im Zuge der Digitalisierung in den letzten 20 Jahren derart verändert und demokratisiert. HD-Kameras sind mini, erschwinglich und unkompliziert zu bedienen geworden, selbst mit dem Smartphone lassen sich längst problemlos Filme drehen, schnell, billig, überall. Minifirmen, nicht selten sind es Paare, nehmen heute vom Drehen bis zum Hochladen der Filme auf Bezahlplattformen alles selbst in die Hand. Sie kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus, sie sind Bäckereifachverkäuferinnen, Lkw-Fahrer, Büroangestellte, Beamte, Akademiker, Selbstständige. Sie alle motiviert ein exhibitionistischer Selbstdarstellungsdrang, aber auch ein mitunter richtig lukrativer Verdienst.
Statt der einstigen Monumentalpornos wie »Katharina die Große« oder »Caligula« , statt Schmuddelkinos oder teurer VHS-Kassetten gibt es heute die Clips von »Parkplatzluder19« oder »FrankfurterTitten« im Internet, das Teasing dafür inklusive.
Über zwölf Prozent aller Inhalte, die in Deutschland im Internet angesehen werden, sind pornografisch. Aber nicht nur das: In keinem anderen Land der Welt spielen so viele Menschen in Pornos mit. Über 50.000 Frauen und Männer betätigen sich in Deutschland mittlerweile als Mini-Pornoproduzenten, hat Philip Siegel recherchiert. Porno ist buchstäblich »My Dirty Hobby« geworden, wie eines der größten Portale für die Amateure heißt. Und die Akteure sind wie du & ich, sie sind unsere Nachbarn.  
Die wichtigste Frage bei den Pornodrehs ist: »Mit Gesicht oder ohne?« Die Software, die Gesichter unkenntlich zu machen, funktioniert auf Knopfdruck. Philip Siegel redet mit den Akteuren, es sind Menschen aller Stände; er redet auch über Strategien der Selbstvermarktung und Sex als Freizeitabenteuer, über die Vorzüge der sozialen Medien und den manchmal fließenden Übergang zur Prostitution. Pornografie, so stellt sich heraus, ist zu einer Art Abenteuerspielplatz für Erwachsene geworden. Es reicht nicht mehr, Pornografie nur zu konsumieren. Pornografie ist inzwischen so alltäglich geworden, dass immer mehr Menschen bereit sind, Sex auch vor einer Kamera auszuleben, heißt es im Verlagstext. Dem Campus-Verlag rechne ich es hoch an, dass das Buch in der Abteilung »Gesellschaft & Wirtschaft« erscheint. Denn dort gehört es hin: mitten in die Wirtschaft, mitten in die Gesellschaft, mitten in die Kultur.

Philip Siegel: Drei Zimmer, Küche, Porno. Warum immer mehr Menschen in die Sex-Branche einsteigen. Campus Verlag, Frankfurt 2017. Klappenbroschur , 275 Seiten, 19,95. Die Clips zum Buch unter www.3zimmerporno.de

 

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Ausflug Zwei führt ins Fernsehen. Ins Trash-TV. Mit inzwischen über 1.000 Folgen und gerade mit der 30. Staffel in Produktion ist die 1989 erstmals ausgestrahlte US-Fernsehsendung »COPS« nicht nur die längste TV-Serie der Welt, sie gilt als einer der Auslöser des Reality-TV-Booms in den USA und damit auch bei uns. Natürlich wird die Cop-Doku von der sogenannten seriösen Kritik ebenso beharrlich ignoriert wie das Allermeiste an Reality-TV, ist ja eh nur flimmernder Müll.  Für das Reclam-Format »100 Seiten« hat sich nun die unerschrockene Fernsehkritikerin Anja Rützel mit »trash-tv« befasst, herausgekommen sind 100 vergnüglich-informative Seiten, einer schneller Zapp durch all die Programme, in denen es um gesuchte Schwiegertöchter, vermisste Schwestern, getauschte Frauen, Junggesellen, Ausgewanderte, Stimmen, Sterne, Bauernfänger, Superstars, Hilfsdetektive, Messis, Trödler, Möchtegern-Restaurants, Foodtrucks, Einkaufshilfen, E- bis Z-Promis, Kampfshows, Schein-Lebenshilfen, Wohngemeinschaften oder Campbewohner geht.
Anja Rützel lässt allerlei Definitionsversuche von »trash-tv« Revue passieren, Slavoj Zizek inklusive. (Am besten gefällt mir: »Es ist Mist, aber ich mag’s.«) Als ersten deutschen Trash-Moment macht sie die Familienshow »Wünsch dir was« ausfindig, in der Moderator Dietmar Schönherr im Jahr 1970 eine Kandidatenfamilie fragte, welches der fünf von Mannequins vorgeführten Kleidungsstücke wohl gleich die 17-jährige Tochter für ihren eigenen Catwalk-Auftritt wählen würde – und die sich dann für die sehr transparente Bluse entschied. Ein damals die Republik erschütternder Moment, von dem Heidi Klum und ihre Nachwuchsmodels bei GNTM noch heute zehren. Man erfährt vom »Hate-Watching«, von den zehn charakteristischen IBES-Rollen (»Ich bin ein Star – holt mich …«) und vielen anderen sinnlosen bis sinnfreien Nützlichkeiten. In einem kleinen Feuerwerk ab Seite 97 brennt die Autorin schließlich ein Referenzfeuerwerk berühmter Vorbilder ab, das ein für allemal das schlechte Gewissen am Trash-TV zu besänftigen vermag.

Anja Rützel: Trash-TV. Reihe 100 Seiten. Reclam Verlag, Stuttgart 2017. Broschiert, 100 Seiten, 10,00 Euro.
Alf Mayer

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