Ab nach Kassel (106)

Mal ehrlich. Wie oft muss ein Lehrer, ja, ja auch die Lehrerin, einer Frankfurter Schule so im Jahr dienstlich nach Kassel oder Eschwege oder meinetwegen auch Limburg fahren? Wohlgemerkt dienstlich. Oder auch eine Rechtsreferendarin am Amtsgericht Bad Hersfeld per Dienstreise nach Darmstadt? Vom Leiter des staatlichen Forstamtes aus Waldeck-Frankenberg ganz zu schweigen, der eigentlich nicht so oft zu forstwirtschaftlichen Dienstbesprechungen in den Odenwald fahren muss.

Und nun aber die gute Nachricht – zumindest für die Lehrer, Forstbeamten, Rechts- und sonstige Referendare, also für alle Landesbediensteten: Ihr dürft seit dem 1. Januar für Umme in ganz Hessen mit den öffentlichen Nahverkehrsbahnen und -bussen nach Belieben und Zeitbudget herumdüsen. Na ja, düsen nicht so sehr, weil IC und ICE nicht im Sonderangebot drin sind. Aber immerhin ab 19 Uhr und am Wochenende unter kostenfreier Mitnahme von ein paar Kindern und einem Lebenspartner bzw. -partnerin oder überhaupt einer erwachsenen Person (multiplere Lebensformen und damit verbundene Vergünstigungen sind trotz grüner Regierungsbeteiligung noch nicht im Angebot).

Klar gönne ich jedem Mitmenschen die kostenfreie Nutzung des hessischen Öffentlichen Personennahverkehrs, womit immerhin tendenziell die alte Frankfurter Sponti-Drohung „Nulltarif, Nulltarif, sonst biegen wir die Schienen schief“ Früchte getragen hat (gell, Frau Wissler, so neu zugange seid ihr nicht mit eurem Nulltarif). Aber ein paar Fragezeichen malen sich denn doch schon in den Gesichtern so manchen hessischen ÖPNV-Nutzers, der allein in Frankfurt mal eben 870 Euronen im Jahr (im günstigsten Fall) hinblättern muss, um in einen vergleichbaren Genuss im Frankfurter Tarifgebiet zu kommen. Vom Preis für ein Hessengesamtticket ganz zu schweigen.

So, und nun fangen wir mal ganz kleinkrämerisch an zu rechnen. 51 Millionen Euro bezahlt das Land an die beteiligten Verkehrsverbünde für insgesamt 145.000 Landesbeschäftigte. Das sind dann etwa 350 Euro pro Jahresticket. Laut RMV, dem größten der beteiligten Verkehrsverbünde, handelt es sich um „ein solidarisch kalkuliertes Ticket“. Was heißt denn nun das? Die viel teureren Tickets für Hessen-Normalbürger sind also „unsolidarisch“ kalkuliert, heißt: überteuert. Oder aber, die Verkehrsverbünde subventionieren den größten Teil des Ticketpreises für die hessischen Landesbeschäftigten. Aber von welchem Geld denn nur? Kann doch nur aus den Ticketerlösen all der doofen Normalzahler kommen. Da das ja kaum zu glauben ist, müssten also 350 Euro für ein Jahresticket kostendeckend sein. Ja, ich weiß, das ist jetzt mehr polemisch als betriebswirtschaftlich gerechnet. Aber irgendwie kommt man da doch sehr dicht an die Realisierung eines 365-Euro-Tickets für alle. So absurd scheint denn ja die Forderung der grünen OB-Kandidatin doch nicht zu sein. Zumal die Hannoveraner Stadtpolitiker selbiges für ihr Städtchen mehrheitlich beschlossen haben (mit – hört, hört – den Stimmen der FDP).

Und wenn man nun noch bedenkt, dass aufgrund fehlender ÖPNV-Infrastruktur im ländlichen Raum bestimmt mal 10 Prozent der Beschäftigten eh mit dem Auto fahren (müssen) und das Ticket nicht nutzen (können), sind glatt schon mal 5 Millionen zu Fenster rausgeworfen. Die sollten dann vielleicht lieber für mehr Busverbindungen auf dem Land eingesetzt werden. Ich weiß, das war natürlich einkalkuliert. Aber den Anspruch haben auch diese autofahrenden Beschäftigten.

Aber wer hört schon auf mich?

Jochen Vielhauer

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