25 Jahre Helen und Fiebig

Ensemble 9. November: Helen Körte und Wilfried Fiebig, © Sabine LippertDas Ensemble 9. November jubiliert mit »Festival der Künste« im Gallustheater

Wenn sie, »die Helen«, und er, »der Fiebig«, beieinander sind und übereinander reden, dann fühlt sich der neutrale Dritte öfter mitten in die Schusslinie zweier Menschen geraten, die sich mit Hin-gabe voneinander distanzieren. Es hagelt verbale Spitzen und Nickeligkeiten, wenn Helen Körte und Wilfried Fiebig, die Gründer des  Ensembles 9. November, ihre Geschichte erzählen. Dass es ein sehr harmonisches Miteinander ist, steht nach 25 Jahren zu vermuten. Es hört sich halt nur nicht so an.

Jedenfalls hat er, der Offenbacher Hochschulprofessor für bildende Kunst, die aus München eingewanderte Dozentin für englische Literatur um 1987 im Café Laumer und anderswo überzeugt, ihr schon  in Bayern erprobtes Regietalent nicht verkümmern zu lassen. Die Gelegenheit ergab sich bald: Zu den Gedenkfeiern der Stadt anlässlich des 50. Jahrestags der Judenpogrome vom 9. November 1938, entwickelte Körte ihre »Szenen eines Kulturvolkes«. Das mit acht Darstellerinnen, neun Musikerinnen und einer Mezzosopranistin bestrittene oratoriumartige Stück basiert auf Fanja Fénelons autobiografischem Buch »Das Mädchenorchester von Auschwitz« und machte das E9N schlagartig bekannt. Gut fünfzigmal wurden die »Szenen« deutschlandweit gespielt, die ZDF-Sendung Aspekte und 3sat dokumentierten ein Gastspiel kurz nach dem Mauerfall in Dresden.
Es blieb beim Namen und der schon bald in die Form des Gesamtkunstwerks mündenden Zusammenarbeit. Körte und Fiebig setzen seither überwiegend literarische Werke mit Musik, Tanz, Schauspiel und bildender Kunst in Szene und gingen damit zu den unterschiedlichsten Orten der Stadt wie dem Hauptbahnhof und dem Airport-Terminal. »Barocke Tänze über die Liebe in Zeiten der Choleriker« hat im Gewächshaus des Palmengartens gar die Papageien zur Gesamtkunst verführt: »Nach ein paar Aufführungen sangen sie mit«. Seit vielen Jahren aber ist das Gallus-Theater feste Spielstätte für durchschnittlich zwei jährliche Produktionen. Ensemble 9. November: La Strada
Das »Festival der Künste« erstreckt sich über drei Wochenenden (siehe unten), an denen jeweils umfangreiche Szenen aus bekannten Arbeiten (siehe unten) gezeigt werden, darunter auch aus »Die Obdachlosigkeit der Fische« nach Wilhelm Genazino und »Nach Moskau, Teufel noch Eins!«, das Michael Bulgakows »Der Meister und Margarita« folgt und 1999 im Moskauer Mossowjet-Theater sowie in Jaroslawl gastierte. Zum krönenden Abschluss steht Mitte April als Sahnetörtchen »La Strada« an. Wer das begeisternde Spiel (siehe Strandgut 4/2012) immer noch nicht kennt, sollte die Chance nutzen, insbesondere Raija Siikavirtas Gelsomina zu erleben. Mit der Tänzerin, die schon in »Nach Moskau« dabei war, kommen 41 Künstler aus allen Ecken der Republik, um das Mammutprojekt von Helen und Fiebig zu realisieren.
Dass der Kulturdezernent die Eröffnung begleitet muss trotz aller postdramatischen Sparprämissen kein schlechtes Zeichen sein – nicht nur, weil der kein Stadtgrüner ist. Die »Szenen eines Kulturvolkes« in diesem Herbst wiederaufzuführen, wäre kein schlechtes Gedenkprogramm für die Stadt.

Winnie Geipert
Gallus Theater
13., 14., 15. März, jeweils 20 Uhr:
»Die Obdachlosigkeit der Fische«/
»Stadt 2000 –2000 und eine Stadt«
21., 22., 23. März, jeweils 20 Uhr:
»Frau im Mond und andere Liebhaber«
18., 19., 20. April, jeweils 20 Uhr:
»La Strada«

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