Museum Wiesbaden: Jerry Zeniuk

Jerry Zeniuk Untitled No 266 (Foto: Ed Restle)Punktlandung im Souterrain

»Wir sind Jawlensky«, hyped es im Museum Wiesbaden derzeit mit gutem Grund: Der russische Expressionist Alexej Jawlensky, dessen Geburtstag sich zum 150. Mal jährt, steht hier im Range eines Haus-Meisters. Kein Museum hat mehr Werke von ihm, kein anderer Künstler ist hier häufiger vertreten. In 15 außergewöhnlich bestückten Räumen wird der von 1921 bis zu seinem Tode 1941 in Wiesbaden lebende Jubilar nun gewürdigt. Mittels hundert seiner eigenen und achtzig großen anderen Gemälden seiner Zeit illustriert die Schau »Horizont Jawlensky« das künstlerische Werden, das »Making of« des Genius in der Auseinandersetzung mit den Größen und Stilen seiner Zeit.

Ein Stockwerk tiefer, im Souterrain, ist das Museum Wiesbaden nicht mehr Jawlensky, sondern elementar. Wie ein Kontrastprogramm für heißgelaufene Farbenfreaks erscheinen die Arbeiten des 1945 in Deutschland geborenen US-Künstlers Jerry Zeniuk, auch wenn sie kaum weniger bunt als die Jawlenskys sind. Der Repräsentant der so genannten elementaren Malerei hat sich das Genre selbst zur Aufgabe gemacht und mit dessen Materialien, der Farbe, dem Stoff, der Fläche und den Orten, an dem es wirkt, beschäftigt. Und tut es noch immer.

Der mehrfach unterteilte hohe Ausstellungsraum wird von vier Großformaten beherrscht, auf denen sich bunte, fette Punkte, Flecken und dicke Pinselstriche in Hülle und Fülle tummeln und um die Wette leuchten. Mit etwas Zeit und etwas Abstand kommt der Betrachter freilich bald zu dem Schluss, dass nichts auf diesen Bildern dem Zufall überlassen ist. Was wie willkürlich und mit leichter Hand hingestreut scheint, wirkt wie von magischen Kräften zusammengehalten.

Der Primus unter diesen Big-is-Beautiful-Formaten misst vier mal acht Meter und wurde im Jahr 2001 für die Galerie der Stadt Mainz »Im Brückenturm« öffentlich vor Ort gemalt. Im ausliegenden Katalog ist seine Entstehung fotografisch schrittweise festgehalten. Über eine Fläche von fünf mal fünf Metern schuf Zeniuk für den Alten Botanischen Garten in München seinen »Botanischen Garten« auf brauner Leinwand. Über zwei mal vier Meter erstreckt sich das für die Kirche seines Lüneburger Geburtsortes Barduwick weißgrundierte Altarbild mit dem Titel »The Army of God Against Satan«, das in seiner urfröhlichen Buntheit an Muster von Kinderschlafanzügen oder Bajazzo-Kostüme erinnert. Welchen Teufel schlüge dieser Anblick nicht in die Flucht? »Not For Your Living Room«, wie Zeniuk seine Paintings nennt, spielt nicht nur auf ihre Größe an, sondern auch auf ihre räumliche Bindung im Prozess ihrer Entstehung. Sie entstünden wie frei improvisierte Musik, bei der ein vorgegebener Ton den anderen erzeuge, hat der zu Eröffnung anwesende Künstler gemeint. Irgendwann ergeben die Töne ein Stück, werden die Punkte auf der Leinwand zum Werk.

Lorenz Gatt
Museum Wiesbaden bis 27. April: Mi., Fr. – So. 10 – 17 Uhr; Di., Do. 10 – 20 Uhr
www.museum-wiesbaden.de
Kleinere Formate Zeniuks stellt bis zum 22. März die Frankfurter Galerie Knaus in der Niddastraße 84 aus.

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