12 Years a Slave (Start: 16.1.2014)

12 Years a Slave (Start: 16.1.2014)Eine Frage der Hautfarbe

»12 Years a Slave« von Steve McQueen

Es ist fast 150 Jahre her, dass in den USA die Sklaverei, auf der die Neue Welt ihre prosperierende Wirtschaft aufbaute, nach einem blutigen Bürgerkrieg abgeschafft wurde. Aber immer noch gehört das Thema zu den am hartnäckigsten verdrängten Kapiteln der US-Geschichte. Das gilt auch für das amerikanische Kino, das sich nur sporadisch und eher halbherzig damit auseinander gesetzt hat.

Mit »12 Years a Slave« legt der britische Regisseur Steve McQueen nun einen Film vor, der die Sklaverei direkt und kompromisslos in den Blick nimmt. Erzählt wird hier die wahre Geschichte des Afroamerikaners Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), der im Staat New York die ersten dreißig Jahre seines Lebens als freier Mann verbracht hat. Der Violinist ist ein angesehner Bürger der mittelständischen Gesellschaft. Als Frau und Kinder für ein paar Wochen verreisen, lässt er sich auf ein Angebot zweier undurchsichtiger Männer für ein Engagement in Washington D.C. ein. Nach einer feuchtfröhlichen Feier wacht er am Morgen angekettet in einem finsteren Verließ auf.

Mit anderen Gefangenen wird er einige Tage und etliche Prügelschläge später Richtung Süden verschifft und in New Orleans als Sklave verkauft. Mit unnachgiebiger Härte inszeniert McQueen diesen freien Fall durch alle sozialen Hierarchien von der glücklichen bürgerlichen Existenz hin zu einem versklavten Dasein, in dem die elementarsten Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Solomon wird zunächst an den Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch) verkauft, der ihn relativ anständig behandelt, von den Fähigkeiten des intelligenten Sklaven profitiert, aber ihn letztendlich auch nicht vor dem brutalen Aufseher und einer drohenden Lynchjustiz beschützen kann. Und so wird Solomon weiter verkauft an den berüchtigten Tyrannen Edwin Epps (Michael Fassbender), der auf seiner Baumwollplantage die Sklaven brutal ausbeutet und misshandelt.

An der Figur des trunksüchtigen Despoten wird nicht nur die Brutalität und Willkür der Sklaverei deutlich, sondern auch die perfide Systematik, mit der hier die Menschenwürde und das Selbstwertgefühl gebrochen wird, um ein Heer von willenlosen Arbeitern heranzuziehen. McQueen zeigt die unfassbare Gewalt aus nächster Nähe und verliert trotzdem nicht den scharfen, analytischen Blick, mit dem er auf die vollkommene Pervertierung moralischer Werte für ein perfektioniertes System verweist, in dem Sklaven keine Mitmenschen, sondern das Eigentum ihrer Halter sind.

Die eindringlichste Figur ist die junge Baumwollpflückerin Patsey (Lupita Nyong’o), die in die Sklaverei hineingeboren wurde und das Pech hat zur Lieblingssklavin des Masters erwählt zu werden. Noch nie hat man auf der Leinwand einen Menschen von solch abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit gesehen. Und noch nie wurde die Bigotterie der Plantagenbesitzer so offen ins Visier genommen, die von ihrer schmucken Veranda aus direkt auf das Elend der Menschen blickten, auf deren Ausbeutung ihr Reichtum sich gründete. Das »Gentlemen-Agreement«, mit dem das amerikanische Kino das heikle Sujet umschiffte, hat Tarantino schon mit »Django Unchained« aufgekündigt. McQueen geht in »12 Years a Slave« noch einen Schritt weiter, indem er das Thema in Form eines klassischen Dramas direkt, schonungslos, herzzerreißend, aber ohne falsche Sentimentalitäten angeht. Solomon Northups Buch, das im selben Jahr erschienen ist wie »Onkel Toms Hütte«, gehörte damals zu den wichtigsten Schriften der Abolitionsbewegung, die sich für Abschaffung der Sklaverei einsetzte, und geriet nach dem Bürgerkrieg in Vergessenheit. McQueens Film hat das Zeug dazu, eine neue, grundlegende Debatte über das dunkelste Kapitel der amerikanischen Geschichte in Gang zu setzen.

Martin Schwickert
12 YEARS A SLAVE
von Steve McQueen, USA 2013, 133 Min.
mit Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Paul Giamatti, Brad Pitt
nach Buch, vonSolomon Northup
Drama
Start: 16.01.2014

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